Die Rückkehr der Rassenlehre
Ein schwarzer Cambridge-Professor gerät ins Visier eines selbsternannten „Rassenrealisten“. Der Fall Jason Arday und was er für die Wissenschaft bedeutet.

„Nach der Revolution, weißt du, da werde ich Leiter des Instituts für Eugenik und Rassenlehre an der Harvard-Universität!“ [1] Das klingt wie eine betrunkene Spinnerei, die ein am Leben gescheiterter Möchtegern-Schlägertyp geheim in einem Nazi-Keller vor sich hin murmelt. Doch der Satz kam aus dem Mund von Nathan Cofnas, einem jungen, artig gekleideten Akademiker, der an seinem Schreibtisch saß und ein Online-Interview gab, ganz offen, vor der ganzen Welt.
Cofnas ist Postdoc an der Universität Gent [2] [3] und wurde im August 2026 berühmt. Nicht weil er neue Wissenschaft präsentierte, sondern weil er einen Skandal entfachte: Cofnas unterstellte dem Cambridge-Professor Jason Arday, über seine Biografie und seine wissenschaftlichen Leistungen gelogen zu haben. Er behauptete, Arday habe seine Professur nur wegen seiner dunklen Hautfarbe erhalten [4]. Die Vorwürfe führten dazu, dass Arday seine Professur zurücklegte [5] [6]. Wenige Tage später wurde Arday tot aufgefunden [7] [8]. Kurz nachdem Cofnas verschmitzt lächelnd ein Interview gegeben hatte, in dem er Witze über seine Zukunft als Eugeniker und Rassentheoretiker machte [1]. Wie lustig.
Der Fall Cofnas-Arday wurde medial wochenlang ausführlich diskutiert. Aber es lohnt sich, noch einmal genau hinzusehen. Cofnas‘ Witz über Revolution, Eugenik und Rassenlehre hilft, den größeren Zusammenhang zu verstehen: Es geht hier nicht in erster Linie um Jason Arday. Es geht um den Versuch, extremistisches Gedankengut in der akademischen Welt zu normalisieren [9] [10]. Es gibt Netzwerke, die behaupten, Universitäten seien durchzogen vom Geist der „Wokeness“, weshalb man sie radikal umwandeln müsse – bis hin zur Normalisierung von wissenschaftlich absurden Rassentheorien.
Vor ein oder zwei Jahrzehnten hätte sich das wohl noch kaum jemand vorstellen können. Der Gedanke, dass knallhart rassistisches Gedankengut Anschluss an universitäre Kreise suchen könnte, wäre als dumme Verschwörungstheorie belächelt worden. Doch die Grenzen des Sagbaren wurden seither dramatisch verschoben. Die Netzwerke, die solches Gedankengut propagieren und an den Unis verankern wollen, sind international aufgestellt, sie kooperieren teilweise mit rechtsextremen politischen Parteien [11] [12], sie reichen von Milliardären wie Peter Thiel [13] [10] bis hin zur identitären Bewegung und rechten politischen Parteien.
Der Fall Cofnas-Arday hat diese Netzwerke nicht hervorgebracht, aber er hat gezeigt, wozu diese Bewegung fähig ist. Es ist gut denkbar, dass man diesen Fall in Zukunft rückblickend als bedeutungsvollen Wendepunkt sehen wird. Sehen wir uns also an, was hier passiert ist.
Jason Arday

Jason Ardays Biografie klingt tatsächlich ziemlich verrückt: Als er ein Kind war, wurde bei ihm Autismus und eine allgemeine Entwicklungsverzögerung festgestellt [14] [15]. Nach eigenen Angaben lernte er erst im Alter von elf Jahren richtig sprechen und im Alter von 18 Jahren richtig lesen und schreiben [14] [15]. Trotzdem schaffte er es schließlich an die Universität Surrey, wo er Sport und Pädagogik studierte [14].
Danach forschte er im Fach Pädagogik weiter, insbesondere über benachteiligte Gruppen im Bildungssystem. Er schloss an der John Moores University in Liverpool (LJMU) einen Master und ein Doktorat ab [14], war an unterschiedlichen Universitäten tätig, erhielt dann eine Professur in Glasgow [14] und wurde 2023 schließlich auf einen Lehrstuhl für Bildungssoziologie an der Universität Cambridge berufen [14] – mit erst 37 Jahren, also in relativ jungem Alter für so eine prestigeträchtige Stelle. Arday war damit der jüngste schwarze Professor der Universität Cambridge [14].
Gleichzeitig zu seinen Pädagogik-Forschungen ließ Arday auch von seinen sportlichen Ambitionen nicht ab: 30 Marathons soll er innerhalb von 35 Tagen gelaufen sein [16] [17], um Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Um die Sache noch unglaublicher zu machen: Am Ende soll er einen Haarriss im Wadenbein gehabt haben [18] [19], aber trotzdem weitergelaufen sein. Außerdem soll er semiprofessionell Fußball gespielt haben [20] [21].
Nathan Cofnas, „Rassenrealist“

Die zweite Hauptfigur in der Affäre ist Nathan Cofnas, ein Mann mit klar rassistischen Ansichten. Cofnas bezeichnet sich selbst als „Race Realist“ [9]. Er hält es für offensichtlich, dass die Menschheit in unterschiedliche Rassen aufgeteilt werden kann, und unterschiedliche Rassen unterschiedlich leistungsfähig sind [9] [22].
Sich selbst zählt er – das ist wohl keine Überraschung – zur leistungsfähigen Rasse [9]. Dunkelhäutige Menschen hingegen sind nach seiner Philosophie des „Hereditarianismus“ für höhere kognitive Leistungen großteils ungeeignet. Würde es nur nach Leistung gehen, so sind Cofnas und andere „Race Realists“ überzeugt, dann gäbe es kaum dunkelhäutige Studierende an Top-Universitäten, und die Zahl der dunkelhäutigen Uni-Professoren ginge gegen null [9]. Höchstens in der Unterhaltungsindustrie und im Sport [9] seien schwarzen Menschen höhere Leistungen zuzutrauen. Wenn also Schwarze in signifikanter Zahl an Unis zu finden sind, dann könne das nur ein Zeichen dafür sein, dass sie unfairerweise gegenüber Weißen bevorzugt werden [9].
Das ist nicht einfach eine moralisch letztklassige Meinung, das ist faktisch unsinnig, wissenschaftlich widerlegt, und logisch nicht haltbar. Biologisch gesehen ergibt das Konzept von „Menschenrassen“ keinen Sinn. „Rassen“ sind ein soziales Konstrukt, keine naturwissenschaftlich definierbare Kategorie [23] [24].
Bei Hunden mag es Rassen geben, bei Menschen aber nicht. Unser Stammbaum lässt sich nicht in klare Zweige gliedern, es handelt sich eher um ein verfilztes Geflecht [23]. Menschen haben sich immer schon vermischt. Außerdem ist die genetische Diversität von Menschen generell sehr niedrig: Es gibt zwar sehr viele Menschen, aber die genetischen Unterschiede sind bemerkenswert klein [23].
Natürlich kann man trotzdem Statistik betreiben und Zusammenhänge zwischen Gen-Kombinationen und geographischen Regionen feststellen [24]. Das bedeutet aber nicht, dass es biologisch voneinander abgrenzbare „Rassen“ gibt [23] [24]. Man kann bei Menschen keine Trennlinie ziehen, wie zwischen Schäferhunden und Dackeln. Und schon gar nicht kann man von geographischer Herkunft auf Eigenschaften wie Intelligenz oder Kreativität schließen, die selbstverständlich nicht bloß durch eine kleine Zahl von Genen erklärt werden können [24].
Das ist „Race Realists“ aber egal. Sie ignorieren den naturwissenschaftlichen Konsens über die biologische Bedeutungslosigkeit des Rassenbegriffs bei Menschen [23]. Widersinnigerweise präsentieren sie sich dabei aber selbst gerne als Verfechter einer streng rational-wissenschaftlichen Sichtweise: Dass es genetisch bedingte Intelligenzunterschiede zwischen hellhäutigen und dunkelhäutigen Menschen gebe, sei eine empirische Tatsache, wer das nicht glaube, sei ein politisch indoktrinierter Faktenleugner [9] [22].
Dabei weiß man längst, dass die Sache eben komplizierter ist: Unterschiede in IQ-Testergebnissen gibt es [22]. Davon aber auf genetische Intelligenzunterschiede zu schließen, ist wissenschaftlich falsch [23] [24]. Test-Scores hängen massiv von Umweltfaktoren ab, von Bildungsmöglichkeiten, von historischen, kulturellen und sozialen Bedingungen [23] [24]. Diese Effekte lassen sich statistisch nicht sauber von einem angeblichen „genetischen“ Unterschied trennen.
Forschung, die etwa von der Critical Race Theory ausgeht, liefert viel naheliegendere Erklärungen für beobachtete Unterschiede zwischen Menschengruppen [23]. Wir haben ein Gesellschaftssystem gebaut, mit komplizierten Strukturen, Gewohnheiten und Gesetzen, in denen Herkunft und Hautfarbe oft eine Rolle spielen, die uns gar nicht bewusst ist. Rassismus äußert sich nicht einfach nur darin, dass ein Mensch in einer Machtposition eine rassistische Entscheidung trifft und statt der schwarzen Frau lieber einen weißen Mann einstellt. Rassismus ist viel mehr. Er ist ein ganzes Bündel an uralten Vorurteilen, stillschweigend akzeptierten Gewohnheiten und unhinterfragten Traditionen. Er ist tief in unsere Gesellschaft eingebaut [23] – und gerade deswegen so schädlich.
Doch darüber findet man bei den „Rassenrealisten“ kein Wort. Sie stellen sich gerne selbst als unerschrockene, der puren Rationalität verpflichtete Empiriker dar, die sich durch political correctness nicht vom Pfad der reinen Wissenschaft abbringen lassen – und ignorieren dabei einen großen Teil der wissenschaftlichen Faktenlage [23] [24], der genau für diese Fragen so wichtig wäre.
Wo immer Cofnas auftaucht, gibt es Kontroversen
Cofnas sorgte mit seinen Ansichten immer wieder für Widerspruch. Schon Ende 2019 veröffentlichte er seinen Aufsatz „Research on group differences in intelligence: A defense of free inquiry“ im Journal „Philosophical Psychology“ [22]. Der Artikel löste heftige Fachkontroversen aus, mehrere Forschende verfassten daraufhin eine ausführliche Kritik, in der sie erklärten, warum die Rassentheorien von Nathan Cofnas aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar sind [22].
2022 nahm Cofnas eine Postdoc-Stelle an der philosophischen Fakultät der Cambridge University [25] an, um über Ethik der Biologie zu forschen. Die Uni-Zeitung „Varsity“ wurde auf Cofnas und seine Rassen-Thesen aufmerksam und brachte einen Artikel darüber. Die „Daily Mail“ griff das Thema auf [21].
2024 veröffentlichte Cofnas auf Substack den Text „A Guide for the Hereditarian Revolution“ [9]. Das war keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine politisch-strategische Analyse. Er diskutiert darin, wie die von ihm angestrebte „hereditarianistische Revolution“ konkret gelingen kann.
Den Glauben, dass psychologische Eigenschaften und Leistungsfähigkeiten zwischen Rassen und Geschlechtern gleich verteilt seien, hält er für gefährliche „Wokeness“ [9]. Diese Wokeness müsse unbedingt besiegt werden, ist Cofnas überzeugt.
Mit gewöhnlichen Rassisten und Neonazis will Cofnas allerdings nichts zu tun haben [9]. Er ist kein populistischer Demagoge, der Leute auf der Straße mit Fackeln durch die Straßen ziehen lassen will. Im Gegenteil: Die breite Bevölkerung zu überzeugen, ist für ihn gar nicht wichtig [9]. Ihm geht es um die Elite, zu der er sich selbstverständlich auch selbst zählt. Die Elite muss für die Ideen des „Race Realism“ gewonnen werden: Weg mit Multikulturalismus, Rückbesinnung auf das rassische Erbe, Aufbau von Barrieren zwischen den Rassen [9]. Rassenlehre soll normal werden – an den Universitäten, im akademischen Denken, und letztlich auch in der Politik [9].
Das, so ist Cofnas überzeugt, gelingt nicht einfach mit einem regulären „Marsch durch die Institutionen“ [9], man müsse härter sein als bisher: Man sollte Rassenthesen nicht in gefälligen, politisch akzeptablen Formulierungen verstecken, sondern knallhart gegen „Critical Theories“ und das „DEI-Monster“ vorgehen [9].
Wer an der Universität Cambridge forscht, ist zwar Angestellter der Universität, ist aber gleichzeitig auch einem der Colleges zugeordnet, aus denen die Universität besteht. Cofnas verlor damals seine Affiliation am Emmanuel College als Research Associate [25] – ein Verlust ohne ernsthafte Konsequenz. Seine Zugehörigkeit zur Universität und seine Stelle als Leverhulme Early Career Fellow in Cambridge behielt er, bis zum regulären Auslaufen seines Vertrags [25].
Trotzdem war Cofnas danach offenbar höchst verbittert und schwer enttäuscht von der Cambridge University. Man hätte dort nach außen hin „Free Speech“ hochgehalten, schrieb er, in Wahrheit habe man sich aber gegen ihn gewandt, nur weil er politisch unbequeme Meinungen vertreten habe [9] [25].

Im Frühling 2026, Cofnas hatte die Universität Cambridge bereits verlassen, fand er eine neue akademische Heimat und wechselte an die Universität Ghent [3] [26]. Auch hier sorgte er rasch für Aufregung: Studierende und Forschende der Universität wurden auf seine „Race-Realism“-Ansichten aufmerksam. Eine offene Petition von Sozialwissenschafts-Studierenden forderte die Universität auf, Cofnas angesichts seiner veröffentlichten Thesen nicht zu beschäftigen. Über 2000 Personen unterstützten diese Erklärung [26].
Gleichzeitig formierte sich aber auch ein Lager von Cofnas-Verteidigern, die diese Forderung als „Attacke auf die akademische Freiheit“ bezeichneten. Man wolle die Behauptungen, die Cofnas verbreitet hatte, gar nicht beurteilen, aber Universitäten sollten ein Raum für freie Debatte sein, argumentierten sie in einem öffentlichen Schreiben [27].
Diesem Argument kann man nur zustimmen. Ja, freie Debatte zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Sichtweisen ist der Kern akademischer Arbeit. Doch darum geht es hier nicht. Was Universitäten nicht sein dürfen, ist ein Raum für wissenschaftlich widerlegte und gesellschaftlich hochgefährliche Unsinns-Thesen. Rassismus hat nicht einfach nur deswegen nichts an Unis verloren, weil er moralisch falsch ist, sondern vor allem deshalb, weil er wissenschaftlich widerlegt, unhaltbar und unlogisch ist.
Niemand würde fordern, Impfgegnern oder Flacherdlern eine Stelle an der Uni zu geben, um dort „Raum für freie Debatte“ zu schaffen. Wenn jemand politisch unbequeme Tatsachen präsentieren möchte, muss eine Uni das aushalten. Wenn jemand Rasseargumente aus dem Giftschrank der Geschichte hervorholt, die schon zur Zeit des Nationalsozialismus intellektuell lachhaft waren, und sich jetzt, nach Jahrzehnten genetischer Forschung, als noch viel unhaltbarer herausstellen, dann sind das keine Argumente, die man an einer Uni dulden soll. Trotzdem finden sich unter dem öffentlichen Text, der sich für Nathan Cofnas aussprach, erstaunlich große Namen: Peter Singer aus Princeton [27]. Steven Pinker aus Harvard. Alan Sokal von der New York University [27].
Die Universität Ghent ging der Sache nach, laut dem britischen „Guardian“ verfasste das Institut für Philosophie und Moralwissenschaft ein 19-seitiges Statement, in dem es hieß, es sei „unwahrscheinlich“, dass Cofnas der beste Kandidat für diesen Job gewesen sei [26].
Der Angriff auf Arday
Cofnas war also schon längst als jemand bekannt, der keine Scheu hat, mit seinen Rassen-Theorien große öffentliche Aufregung zu schüren. Und am 21. Juli 2026 veröffentlichte er einen Artikel [4], der noch weit höhere Wellen schlagen sollte als irgendeiner seiner bisherigen Texte.
Er attackierte darin Jason Arday – also einen Professor der Universität, an der er noch kurz vorher selbst gearbeitet hatte. Seine These: Arday sei wissenschaftlich unfähig, stelle sich selbst mit unhaltbaren Behauptungen besser dar als er in Wahrheit ist, und habe seine Professur nur wegen „DEI“ (Diversity, Equity, Inclusion) erhalten [4] – also wegen Bevorzugung von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe.
Cofnas findet Punkte in Ardays Lebensgeschichte, die er als unglaubwürdig darstellt, etwa sportliche Leistungen [4]. Außerdem analysiert er Ardays Dissertation mit Plagiats-Software und findet auffällige Übereinstimmungen, insbesondere mit einer anderen, vorher veröffentlichten Dissertation von Paula Zwozdiak-Myers [4] [28]. Cofnas sieht sich auch Ardays wichtigste wissenschaftliche Publikationen an und unterstellt ihm wissenschaftliche Fehler [4] [28]. Kein Zweifel: Das sind Dinge, die tatsächlich aufgearbeitet werden müssen. Einige von Ardays Angaben waren tatsächlich falsch oder irreführend. Das ist nirgendwo zu akzeptieren, es ist völlig gerechtfertigt, darauf aufmerksam zu machen.
Cofnas stellte die Sache als Versagen der ganzen Uni Cambridge dar: Er unterstellt, man habe dort längst gewusst, dass Arday ein Schwindler („a plagiarist and fabulist“ [4]) sei. Man habe sich aber wegen seiner Hautfarbe nicht getraut [4], das anzusprechen. Das passt exakt zum typischen Narrativ rechter Kreise: „Menschen mit dunkler Hautfarbe werden wegen einer Kultur der Wokeness und Political Correctness bevorzugt, auch wenn sie nicht wirklich ausreichend qualifiziert sind. Somit nehmen sie weißen Menschen, die viel besser wären, prestigeträchtige Jobs weg.“
Ob diese Attacke auf Arday eine Art Rachefeldzug gegen Cambridge war, weil er dort keine permanente Stelle bekommen hatte, das weiß wohl nur Nathan Cofnas selbst. In einem Online-Interview ließ er jedenfalls den Satz fallen: „Maybe the lesson is: this is what happens if you don’t give Cofnas a job! [1]“ Klar scheint heute allerdings: Das war nicht eine Tat eines jungen Whistleblowers, der wissenschaftliches Fehlverhalten aufdecken will. Es war die kalkulierte Handlung eines Aktivisten, der schon seit Jahren eine klare politische Agenda verfolgte.
Ein Mediensturm bricht los

Das Medienecho war gewaltig. Innerhalb von Tagen erschienen über 200 Medienartikel [21] über die Arday-Affäre. Die Universität Cambridge stellte sich zunächst auf die Seite ihres Professors [29]: Man kritisierte die heftigen Attacken und wies darauf hin, dass die Dissertation gar nicht an der Universität Cambridge eingereicht worden war, sondern an der LJMU in Liverpool. In Liverpool war man schon zuvor mit diesen Vorwürfen konfrontiert geworden, hatte Ardays Dissertation geprüft, die Sache aber nicht als Plagiat gewertet – Arday durfte somit seinen Doktortitel behalten [29] [30].
Aber längst ging es nicht mehr um die Frage nach Plagiaten. Die Sache erhielt eine politische Dimension [31]. Gestritten wurde plötzlich darüber, ob Universitäten dunkelhäutige Leute bevorzugen, ob man einem Schwindler zu einer Professur verholfen hat, nur um sagen zu können, dass man in Cambridge nicht rassistisch sei. Wie es Arday in diesem tobenden Mediensturm gegangen sein muss, kann man sich wohl als Außenstehender nur schwer vorstellen.
In diesem Medienrummel kamen weitere inhaltliche Ungereimtheiten ans Licht: Arday erwähnt in seinem Lebenslauf ein Masterprogramm, das er in Wirklichkeit wohl gar nicht abgeschlossen hat [21], ein Buch, das in Wahrheit offenbar nie publiziert worden ist [21], und Positionen als „Visiting Professor“, für die es keine Belege zu geben scheint [21] [32].
Am 5. August schließlich kündigte Cambridge aufgrund neuer Informationen eine eigene Untersuchung zu Ardays akademischen Qualifikationen und honorary appointments an [6], zusätzlich zur Überprüfung der Vorwürfe zu möglichem wissenschaftlichen Fehlverhalten. Kurz darauf, ohne die Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten, trat Arday von seiner Professur zurück [5]. Die Anschuldigungen und der Medienrummel hatten, wie er schrieb, die Grenzen dessen erreicht, was eine Person ertragen kann [5].
Damit hätte man die Sache eigentlich abhaken können: Tatsächliche Falschaussagen erkannt, Skandal entfacht, Untersuchungen eingeleitet, Zielperson aus dem Amt entfernt. Aber die Attacken hörten nicht auf, die Zahl der Medienberichte stieg sogar noch an [21]. Einige Tage später, am 14. August 2026 [7] [8], wurde Arday in einer Wohnung in London tot aufgefunden.
Man könnte in dieser Situation vielleicht erwarten, dass Ardays Gegner, die mit unerbittlicher Härte gegen ihn vorgegangen waren, allerspätestens an diesem Punkt verstummen. Selbst wenn man der vollen Überzeugung ist, dass alle Vorwürfe völlig gerechtfertigt waren, könnte man in diesem Fall in sich gehen und ehrlich zugeben, dass man sich vergaloppiert hat, dass man zu brutal war, dass man einen Menschen nicht in den Tod hetzen soll. Aber davon war wenig zu bemerken. Weiterhin erschienen Beiträge, in denen Arday als „Lügenbaron“, als wissenschaftliche Null, als „DEI-Hire“ verunglimpft wurde [31].
Allerdings gab es bald auch Stimmen, die sich aus diesem Anlass die Ansichten von Nathan Cofnas näher ansahen und ihn heftig kritisierten. Sein Arbeitgeber, die Uni Ghent, zeigte sich betroffen, am 20. August wurde eine disziplinarische Voruntersuchung eingeleitet [3] [2], Cofnas wurde schließlich suspendiert. Das bedeutet: Er wurde nicht gefeuert, er wurde weiterhin bezahlt [2].
Auch diesmal kursierte eine Unterstützungserklärung für Cofnas. Es müsse doch erlaubt sein, hieß es darin, auf wissenschaftliches Fehlverhalten wie Plagiate und Datenfälschung aufmerksam zu machen. Cofnas dürfe dafür nicht bestraft werden [27] [33].
Das ist etwas skurril: Niemand hatte bezweifelt, dass wissenschaftliches Fehlverhalten öffentlich kritisiert werden darf. Das stand nicht zur Debatte. Die Suspendierung durch die Universität Ghent hatte ganz andere Gründe: So wurde etwa geprüft, ob Cofnas seine akademische Position in Ghent für die Verbreitung seiner hereditarianischen Thesen nutzte, obwohl er eigentlich für ein Forschungsprojekt über Liberalismus angestellt war [26] [2]. Außerdem widerspricht es dem Ethikcode der Universität, Ideen über rassische Überlegenheit oder Anstiftung zu Rassensegregation zu verbreiten. Auch wenn solche Aussagen von Cofnas privat getätigt wurden, so die Universität, können sie gegen die Uni-Regeln und sogar gegen belgische anti-Diskriminierungs-Gesetze verstoßen [2].
Cofnas wurde also nicht suspendiert, weil er wissenschaftliches Fehlverhalten kritisierte, sondern weil der Verdacht bestand, er würde beruflich wie privat Rassenlehre propagieren [2] [3]. Der Unterschied ist nicht schwer zu verstehen – aber über neunhundert Leute [27] [33] waren von dieser simplen Tatsache offenbar überfordert und unterschrieben das Statement. Darunter Menschen, die zur intellektuellen Elite der Welt gezählt werden – oder zumindest wurden: Richard Dawkins, Steven Pinker, David Deutsch [33] und andere.
Entlassen wurde Cofnas bis heute nicht, nach Medienberichten gab es eine Vereinbarung, dass er vorerst von zu Hause aus arbeitet und keine Lehrveranstaltungen hält [34] [3].
Und was stimmt nun wirklich?
Und jetzt? Das Bild, das nach dem medialen Sturm übrigblieb, ist etwas vielschichtiger, als die meisten anfangs gedacht hatten. Hatte Arday seine Leistungen, seinen Lebenslauf, seine Heldengeschichte nur erfunden? Nein. So kann man das nicht sagen.
Es gibt tatsächlich schwere Vorwürfe gegen Arday, die offenbar zu Recht erhoben wurden. Ja, es gab echte Fehler [35] [28]. Es ist völlig in Ordnung, dafür harte Konsequenzen zu fordern. Man hilft aber weder der Wissenschaft noch der Wahrheitsfindung, wenn man Fehler, die in der akademischen Welt leider relativ häufig auftreten, zu einmaligen Skandalen aufbläst, oder wenn man Arday insgesamt als pathologischen Lügner hinstellt, der sich alles, was er im Leben erreichte, bloß erschwindelt hat. Das ist eine bösartige Verzerrung der Tatsachen.
Viele Kommentatoren hatten sich über Ardays Behauptungen lustig gemacht, ohne überhaupt zu recherchieren: Ein Professor als semiprofessioneller Fußballspieler [20]? Haha, das kann nur falsch sein! 30 Marathonläufe in 35 Tagen [16]? Haha, offensichtlich gelogen! Laufen mit gebrochenem Bein? Will der uns veräppeln?
Im Lauf der Zeit wurde klar: Jason Arday war tatsächlich ein Ausnahmesportler gewesen. Dass er Fußball gespielt hatte, stellte sich als wahr heraus [20]. Seine Marathon-Läufe lassen sich zwar nicht mehr lückenlos rekonstruieren, aber über den Großteil seiner Läufe lassen sich noch archivierte Daten der Spendenplattform „JustGiving“ finden [16] [19]. Auch Berichterstattung während der Sportaktion [18] hatte es gegeben. Über den Haarriss in seinem Wadenbein, der ihn nicht am Weiterlaufen hinderte, war schon damals berichtet worden. Das ist natürlich keine medizinische Diagnose, aber zumindest ist klar: Arday hatte die Sache nicht einfach nachträglich erfunden [17] [18].
Bei manchen Details, die übertrieben erscheinen, ist auch unklar: Kamen sie von Arday selbst, oder haben Medien seine Aussagen ausgeschmückt? So wurde etwa der Haarriss im Wadenbein in den Medien zum „broken leg“ [18] – Indizien, dass Arday selbst das so formuliert hatte, gibt es keine.
Interessanter sind aber die Vorwürfe, die seinen Lebenslauf betreffen: Hatte Arday seinen Lebenslauf mit Lügen aufgehübscht, um eine Professur in Cambridge zu bekommen? Auch hier ist die Sache komplizierter. Er behauptete, einen Master in „Psychodynamic Practices“ in Birkbeck [21] gemacht zu haben. Das ist offenbar falsch, Birkbeck konnte das nicht bestätigen. Arday listete außerdem eine ganze Reihe von Gastprofessuren bzw. „Visiting“ oder „Adjunct Professorships“ an anderen Universitäten auf. Manche davon korrekt (etwa an der London Metropolitan University [32]), andere unklar oder unbelegt [21].
Allerdings: Ob jemand irgendwo Gastprofessor ist oder nicht, ist tatsächlich nicht immer so klar zu beantworten. Was bedeutet das überhaupt? In der akademischen Welt hat man meist relativ große Freiheit. Man hat kein Büro, in dem man einstempelt und ausstempelt. Internationale Kooperationen, Arbeitsbesuche, Gastvorlesungen gehören zum Alltag. Wenn nun ein Professor eine gewisse Zeit an einer anderen Universität verbringt, dort ein Paper schreibt und ein paar Vorlesungen hält – ist er dann ein Gastprofessor? Das hängt davon ab, was man darunter versteht. Es kommt oft vor, dass so ein Besuch informell ist, unbezahlt, ohne Papierkram und Eintrag auf der Uni-Homepage. Wenn die Universität später erklärt, jemand sei dort nicht angestellt gewesen, muss das also nicht bedeuten, dass es nie eine Zusammenarbeit oder Gasttätigkeit gegeben hat [36].
Wirklich merkwürdig daran ist aber: Solche Punkte im Lebenslauf sind für eine Cambridge-Professur ziemlich irrelevant [36]. Niemand wird sagen: „Wir nehmen lieber diesen anderen Kerl, denn der hat eine Gastprofessur mehr, und hat noch einen zusätzlichen Master in Birkbeck.“ Das sind Details.
Das soll die Falschangaben im Lebenslauf nicht entschuldigen – nein, auch Details müssen richtig sein. Hier gibt es nichts schönzureden. Aber was hier zur Debatte steht, sind keine Punkte im Lebenslauf, die über eine Professur entscheiden [36] [37]. Wie es zu diesen Fehlern kam, ist schwer zu beurteilen – falls Arday darüber tatsächlich bewusst gelogen hat, war es jedenfalls denkbar dumm: Eine Lüge, die ihn gefährdet, aber ihm nicht wirklich etwas bringt.
Ganz ähnlich die Sache mit dem nicht erschienenen Buch [21]. Wer je mit einem Verlag gearbeitet hat, weiß wie das läuft: Man startet ein Buchprojekt. Dinge kommen dazwischen. Verlage ändern ihr Programm. Projekte verschieben sich. Und dann schreibt man vielleicht irgendwann mal ein begonnenes Werk in den Lebenslauf [21]. Sollte man bei solchen Dingen vorsichtiger sein als Arday es war? Ja, zweifellos. Ist das Erschwindeln einer Professur? Nicht wirklich.
In seiner Dissertation hat Arday tatsächlich zahlreiche Passagen einer anderen Dissertation übernommen [4] [28]. Auch das steht außer Zweifel. Das darf nicht sein, das hätte insbesondere dem Doktorvater oder der Doktormutter auffallen müssen. Ärgerlich ist aber, dass hier wie bei vielen Plagiatsdiskussionen so getan wird, als bestünde der Kern guter wissenschaftlicher Arbeit darin, keine Formulierungen zu übernehmen, sondern Sätze entweder vollständig umzuformulieren oder unter Anführungszeichen zu setzen. Nein, darum geht es nur sehr am Rande. Entscheidend ist: Hat man eigenständige Arbeit geleistet? Hat man neue Ideen generiert? Einen Nutzen für weitere Forschung geschaffen? Das lässt sich nicht mit Plagiatssoftware klären, das können nur Leute beurteilen, die vom Fach sind. Etwa jene, die in Liverpool den Plagiatsvorwürfen nachgingen – und keinen sanktionierbaren Plagiatsfall feststellten [29] [30].
Kritischer als die Dissertation sind wohl die Kritikpunkte an seinen wissenschaftlichen Publikationen. Und ja: Hier gab es Unstimmigkeiten. Laut „Retraction Watch“ mussten Arbeiten nachträglich geändert werden [35] [28], einzelne Zahlen sind offensichtlich falsch [28] [30], man fand zitierte Aussagen, die an anderer Stelle bereits anderen Leuten in den Mund gelegt worden waren [28] [38].
Das ist nun tatsächlich ein ernstes Problem. Aber sind solche Unsauberkeiten in der Wissenschaft unerhört, einzigartig, beispiellos? Leider nicht. Der Publikationsdruck ist groß. Gerade junge Leute stehen manchmal vor der Wahl: Spiele ich unsauber, oder riskiere ich das Ende meiner Karriere? Immer wieder müssen Arbeiten korrigiert oder zurückgezogen werden. Manche Fehler entstehen durch Schlamperei, andere durch bewusstes Fehlverhalten [28] [30]. Was im Fall Arday hinter den einzelnen Unstimmigkeiten steckte, ist nicht geklärt. Die Probleme darf man nicht schönreden – aber man darf aus einem Verdacht auch keine erwiesene Datenfälschung machen [30].
All das soll Ardays Fehlverhalten nicht entschuldigen. Auch wenn es, wie ein ruppiges Foul beim Fußball, durchaus zum Arbeitsalltag gehört, muss man sich solche Dinge genau ansehen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen. Und genau das geschah ja auch: Die Universität Cambridge verteidigte Arday zunächst gegen rassistische Attacken, nahm dann die Sache aber ernst und leitete eine Untersuchung ein [6]. Das ist die korrekte, saubere Vorgehensweise. Arday legte seinen Job nieder [5]. An dieser Stelle muss man die Kritiker, die empört „Skandal“ schreien und sich für eine blitzblanksaubere Wissenschaft einsetzen, mal ernsthaft fragen: Ja, was wollt ihr denn noch? Wäre die Sache damit nicht längst erledigt gewesen?

Ist das Rassismus? Spoiler: Ja
Das bringt uns zu der Frage, die für die ganze Diskussion eigentlich zentral ist: Spielten rassistische Reflexe eine Rolle in dieser Hetzkampagne? Die Berichterstattung über Arday machte seine Hautfarbe stets zum Thema [31] [21]. Die Story war nicht „einem Cambridge-Professor wurden Unstimmigkeiten nachgewiesen“, sondern „der jüngste schwarze Professor in Cambridge hätte eigentlich gar nicht Professor werden dürfen“. Genau unter diesem Gesichtspunkt war die Story vom „Race Realist“ Nathan Cofnas auch losgetreten worden [4].
Sehen wir uns also eine Reihe von vergleichbaren Fällen an, um herauszufinden, ob Hautfarbe hier ein Faktor ist.
Mart Bax, Professor für politische Anthropologie in Amsterdam, beschrieb unter anderem einen angeblichen „kleinen Krieg“ zwischen verfeindeten Clans im bosnischen Medjugorje [39], bei dem mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Nur schien außer Bax niemand davon zu wissen. Eine Untersuchungskommission stellte später schweres wissenschaftliches Fehlverhalten fest [39]. Zahlreiche seiner angeblichen Publikationen ließen sich nicht auffinden, auch Angaben zu Auszeichnungen und akademischen Positionen waren falsch [39]. Mediale Aufmerksamkeit vergleichbar mit der Cofnas-Arday-Affäre gab es nicht.
Marc Tessier-Lavigne, ein bekannter Neurowissenschaftler und Präsident der Elite-Uni Stanford [40], hatte Publikationen veröffentlicht, in denen Unstimmigkeiten bzw. Manipulationen in Bildern und Daten entdeckt wurden. Eine Kommission untersuchte den Fall und bestätigte die Fehler [40]. Tessier-Lavigne legte die Präsidentschaft zurück, blieb aber Professor [40].
Diederik Stapel war Professor für Sozialpsychologie in Groningen und Tilburg. Ihm wurden umfangreiche Datenfälschungen nachgewiesen [41] – ein viel schwereres Vergehen als Arday jemals vorgeworfen wurde. Er verlor seine Stelle, zahlreiche Publikationen wurden zurückgezogen [41].
James Hunton von der Universität in Massachusetts forschte ironischerweise ausgerechnet im Feld „Corporate Ethics“, und fiel auf, weil er keine Rohdaten zu einer seiner Publikationen liefern konnte [42]. Untersuchungen zeigten ein Muster von Datenfabrikation [42], Hunton trat zurück, Publikationen wurden zurückgezogen. Auch hier: ein viel krasserer Fall als Arday, aber kein Mediensturm.
David Latchman, Dirk Smeesters, Lawrence Sanna, Marc Hauser – das sind lauter Namen, die von der Stanford University als „Instances of Scientific Misconduct“ [43] geführt werden. Aber kennt man diese Fälle? Hat man je von ihnen in internationalen Zeitungen gelesen? Gab es eine mediale Hetzjagd auf sie? Nein. Das geschah nur bei Jason Arday. Auch wenn andere Fälle viel schlimmer waren.
Das zeigt deutlich, dass hier mit doppeltem Maßstab gemessen wird. Nathan Cofnas ist seit Jahren für seine zentrale Forschungsthese bekannt [9], dass dunkelhäutige Menschen intellektuell weniger leistungsfähig sind. Wenn so jemand unter all den Fällen von wissenschaftlichem Fehlverhalten, die es auf der Welt gibt, ausgerechnet einen der ganz wenigen schwarzen Professoren an einer Elite-Uni auswählt [4] [14], dann geht es ihm nicht darum, die Wissenschaft rein von unethischem Fehlverhalten zu halten. Dann liegt der Verdacht nahe: Ihm geht es darum, die Wissenschaft rein von nicht-weißen Menschen zu halten.
Interessant ist in diesem Kontext auch, sich anzusehen, wie Nathan Cofnas zu seinem Job an der Uni Ghent gelangte. Der Philosop Bouke de Vries [26] stellte ihn als Mitarbeiter an, für ein Projekt über Liberalismus und Demographie [26]. Das sorgte für Verwunderung: Cofnas hatte sich zuvor eigentlich nie mit Liberalismus befasst, seine Arbeiten zu Ethik, Biologie und IQ schienen da nicht ganz hineinzupassen. Eigentlich hatte sein Lebenslauf nur einen einzigen Bezug zum Thema [26]: Das war ein Vortrag, den er bei Bouke de Vries in Ghent dazu gehalten hat. Fast als wäre er nicht wegen seines Fachwissens, sondern nur wegen seiner politischen Einstellung als Postdoc eingestellt worden. Hat der unerschrockene Vorkämpfer für unantastbare Meritokratie an den Unis seinen Uni-Job vielleicht gar nicht auf so ganz meritokratische Weise bekommen? Man weiß es nicht.
Wie gut war Jason Arday wirklich?
Nun kann man aber die Meinung vertreten: All das ist völlig egal. Mag schon sein, dass es bei anderen schlimmer war, und es dort weniger harte Konsequenzen gegeben hat. Das ändert aber nichts daran, dass es bei Jason Arday nachgewiesene Unstimmigkeiten und Fehler gab, und das ist in jedem Fall inakzeptabel. Jason Arday war somit kein guter Wissenschaftler und hätte niemals Cambridge-Professor werden dürfen.
Ich würde mir niemals anmaßen, die wissenschaftliche Qualität eines Sozialforschers zu beurteilen – das ist nicht mein Fach. Aber man kann genau das tun, was sich rechte anti-Wokeness-Aktivisten angeblich so sehnlich wünschen: Auf nackte, objektive Zahlen schauen.
Wie erfolgreich Jason Arday wirklich war, erkennt man am besten daran, wie viel er publiziert hat, und vor allem daran, wie oft seine Arbeiten von anderen zitiert wurden. Die Zitations-Statistik [44] [36] gilt in der akademischen Welt generell als wichtiger Indikator: Wenn eine Arbeit oft zitiert wird, dann ist sie in der wissenschaftlichen Community anerkannt, dann gilt sie als wertvoll, dann hat sie einen prägenden Einfluss auf ihr Forschungsgebiet. Diese Metrik ist nicht perfekt, aber sie ist das Beste, was wir haben. Viele wissenschaftliche Arbeiten werden publiziert, ohne irgendeinen Einfluss auf die Welt zu haben, viele werden überhaupt nie zitiert. Wie war das bei Arday?
Verschiedene Leute haben sich die Mühe gemacht, in Publikations- und Zitations-Statistiken kramen, um genau diese Frage zu beantworten, unter ihnen der Faschismus-Forscher Jason Stanley von der Universität Toronto [36] und der Neurobiologe Giorgio Gilestro vom Imperial College London [44]. Beide kommen übereinstimmend zu dem Schluss: Nach den Zahlen zu urteilen war Jason Arday bemerkenswert erfolgreich.
Gilestro stellt fest: Bis 2026 hatte Arday 39 wissenschaftliche Arbeiten, Bücher und Buchbeiträge veröffentlicht [44]. Sie waren insgesamt 983-mal zitiert worden [44] – mehr als 89% der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf seiner Karrierestufe [44]. Bei Arday schien klar: Das ist ein junger Mann mit ungewöhnlichem Potenzial.
Eine Berufung auf eine Professur ist immer eine strategische Entscheidung: Man kann entweder jemanden berufen, der schon lange eine berühmte Forschungspersönlichkeit ist, vorzugsweise knapp bevor er den Nobelpreis bekommt – solche Leute haben nach Jahrzehnten natürlich noch mal eine ganz andere Publikationsstatistik als ein 37jähriger. Oder aber man setzt auf junge, hungrige Leute, in der Hoffnung, dass sie den Weg an die Weltspitze schaffen. In Ardays Fall entschied man sich für die zweite Variante. Seine Berufung erscheint insofern weder ungewöhnlich noch seltsam, vor allem auch angesichts der Tatsache, dass es ja nicht einmal seine erste Professur war. Arday war schließlich zu dem Zeitpunkt schon Professor in Glasgow [14].

„Racism Mainstreaming“
Was sagt uns das nun alles? Auf tragische Weise beweist die ganze Episode, dass Jason Arday recht hatte. Zu seinen zentralen Thesen zählte: Universitäten sind nicht so meritokratisch [14] [36], wie wir gerne glauben. Wir reden uns gerne ein, dass die Hautfarbe heute keine Rolle mehr spielt, aber das ist nicht wahr. Tief im Grundmauerwerk unserer geistigen Konzepte wurzeln noch immer Vorstellungen von „Normalität“ und „Andersartigkeit“, die es Menschen, die diesem stereotypen Bild nicht entsprechen, das Leben deutlich schwerer machen.
Auch mit Themen wie Neurodivergenz und psychische Belastung beschäftigte sich Arday – und verknüpfte es auch mit dem Thema Race [14] [38]. Unterschiedliche Benachteiligungen können nicht separat voneinander betrachtet werden, sie können intersektional ineinander verwoben sein.
Und genau diese Benachteiligungen wurden durch die Hetzkampagne und durch seinen Tod auf furchtbare Weise offensichtlich. Arday wurde eben nicht genauso behandelt wie andere Menschen in seiner Situation, die ähnliche Fehler gemacht hatten. Arday wurde Opfer eines rassistischen Hetzmobs [31] [45]. Dabei ist es letztlich unerheblich, welche Vorwürfe zu Recht gegen ihn erhoben wurden und welche zu Unrecht. Kein Mensch hat einen Hetzmob verdient. Bei solchen Kampagnen macht man nicht mit, wenn man einen auch nur ansatzweise funktionsfähigen moralischen Kompass hat.
Auf ebenso tragische Weise zeigt uns die Episode aber auch, dass Nathan Cofnas recht hatte – zumindest mit seiner Strategie. Er wollte die „Eliten“ erreichen [9], seinen Rassentheorien zu mehr Sichtbarkeit verhelfen und sie als Teil des „normalen“ akademischen Spektrums darstellen [9] [10]. Genau das ist ihm gelungen. Und zwar nicht, weil er so ein toller Wissenschaftler, Publizist oder Rhetoriker ist, sondern weil sich die Welt radikalisiert hat. Weil die Gesellschaft – einschließlich der wissenschaftlichen Elite – anfällig für Aussagen geworden ist, die man vor zehn oder zwanzig Jahren noch als rechtsradikale Entgleisung vom Tisch gewischt hätte.
Und das ist die gesellschaftspolitische Ebene der Cofnas-Arday-Affäre: Die Moral, die wir für unantastbar hielten, wird sturmreif geschossen. Durch viele kleine Attacken ballert man Löcher in die Grundmauern des demokratisch-freiheitlichen Anstands. Und irgendwann sind diese Mauern dann so durchlöchert, dass sie nicht mehr tragen. Das ist das Ziel radikaler Gruppen. Und eine schockierende Anzahl von Akademikern, die sich selbst niemals als rechtsradikal sehen würden, sondern sich für konservativ oder gar für linksintellektuell halten, macht dabei mit.
Es handelt sich hier natürlich nicht um eine straff organisierte Bewegung mit Hauptquartier und Masterplan. Diese neurechte akademische Bewegung ist extrem heterogen [10]. Sie reicht von knallharten Rechtsradikalen, von Leuten mit rassistischen Ansichten und Sympathie für Eugenik bis hin zu Konservativen, die „Wokeness“ ganz schlimm finden und ganz laut „Cancel Culture!“ schreien, wenn bei Witzen aus den 1980er-Jahren heute niemand mehr lacht.
Die Bewegung ist viel subtiler: Es handelt sich um ein weitverzweigtes Netzwerk mit Geldgebern [10] [46], die dezent im Hintergrund bleiben, Medienplattformen, die zu mehr Sichtbarkeit verhelfen, rechtsnationalen Parteien, die sich über scheinbar akademischen Zuspruch freuen.
Pioneer Fund, Human Diversity Foundation und Aporia
Eine der Wurzeln dieser Bewegung ist der Pioneer Fund, gegründet 1937 [47] [48]. Ideologisch war er eng mit der damaligen Eugenikbewegung verbunden und orientierte sich ausdrücklich an der Rassenpolitik der Nazis in Deutschland. Als Inspirationsquelle diente etwa das NS-Programm „Lebensborn“ [47], getragen von der SS, in dem es darum ging, für „Rassenhygiene“ und eine Erhöhung der Geburtenzahl „arischer Kinder“ zu sorgen. Zu den ersten Aktivitäten des Pioneer Fund gehörte die Verbreitung des NS-Propagandafilms „Erbkrank“ [47] in den USA. Erster Präsident des Pioneer Fund war Harry Laughlin [47], der vorher schon das „Eugenics Record Office“ geleitet hatte und sich für die Zwangssterilisierung „unwerter“ Mitglieder der Gesellschaft einsetzte.

Für das 1994 erschienene Buch „The Bell Curve“, das mit Thesen über Intelligenzunterschiede zwischen menschlichen Rassen international viel Aufsehen erregte, griffen die Autoren Charles Murray und Richard Herrnstein [47] [48] umfangreich auf „Forschung“ zurück, die vom Pioneer Fund finanziert worden war.
Später verschob sich die Aktivität dann vom Pioneer Fund zur „Human Diversity Foundation“ (HDF), dessen Trägerfirma inzwischen „Polygenic Scores LLC“ [10] [49] heißt. Eine Undercover-Recherche des Guardian und der Organisation „Hope not Hate“ zeigte 2024, dass die HDF personell und organisatorisch als Nachfolgerin des Pioneer Fund betrachtet werden kann [10] [48] und das Ziel der Rassenforschung weiterverfolgte. Als CEO und Gründer nennt „Hope not Hate“ Emil Kirkegaard [10] – er befasst sich mit Rassen- und Intelligenzforschung und leitet den „Forschungsarm“ der HDF. Er streitet zwar ab, dass die HDF eine rechtsextreme Organisation sei, bestätigt aber, dass man Rassenforschung fördere [50] und sprach 2022 auf der Konferenz der rechten Lobbyorganisation „Traditional Britain Group“ [10].
Was macht man, wenn man es mit obskurer Rassenforschung nicht schafft, in echten akademischen Journalen zu publizieren? Kein Problem: Dann publiziert man einfach in den eigenen Pseudowissenschafts-Journalen. Laut „Hope not Hate“ hat die HDF sehr enge Verbindungen zu „Mankind Quarterly“ und „OpenPsych“ [10] [51]. Beides sind in der wissenschaftlichen Community nicht anerkannt, imitieren aber in Stil und Aufmachung akademische Wissenschaft [10]. So kann man auch obskure Thesen auf eine Weise präsentieren, die zumindest bei oberflächlicher Betrachtung wissenschaftlich-seriös wirkt.
Daneben gibt es aber auch eine nicht-akademische Sparte, mit der man die Ideologie von Pioneer Fund und HDF in die breite Öffentlichkeit tragen möchte: Das Online-Magazin Aporia veröffentlicht Beiträge [10] [52] zu Intelligenzforschung, Einwanderung und genetischen Unterschieden zwischen Menschengruppen. Laut „Hope not Hate“ will man damit gezielt Leser erreichen, die innerhalb von Wissenschaft, Medien und Politik Einfluss haben [10] [46]. Man will keine radikalen Gruppen in muffigen Kellerlokalen ansprechen, sondern Rassenforschung aus der „Schmuddelecke“ holen und den HDF-Thesen gesellschaftliche und akademische Legitimität verschaffen [10] [50].
Das gelingt offenbar nicht schlecht: Immer wieder gelang es, prominente Figuren aus der Wissenschaft für Aporia zu gewinnen, so trat etwa Steven Pinker in einem Aporia-Podcast auf [53]. Pinker erklärte selbst, er habe dort inhaltlich widersprechen wollen [53], aber der Guardian nannte seinen Auftritt einen „Meilenstein in den Bemühungen, […] ehemals diskreditierte Modelle einer biologisch bedingten Rassenhierarchie wieder salonfähig zu machen [53].“
Auch an die Politik findet man Anschluss: Im Rahmen der Undercover-Recherche von „Hope not Hate“ trafen sich Journalisten auch mit dem rechtsextremen Influencer Erik Ahrens [12] [11]. Ahrens hatte selbst an AfD-Social-Media Kampagnen mitgearbeitet [11], pflegt enge Kontakte zu Aporia-Herausgeber Matthew Frost und ist dabei, ein internationales Netzwerk rechter Gruppen aufzubauen. Kontakte gab es auch zur Identitären Bewegung in Österreich und der FPÖ [11]. Dieselbe Recherche deckte auch auf: Die HDF erhielt 1,3 Millionen Dollar vom US-Unternehmer Andrew Conru [10] [46].
Zu den Redakteuren von Aporia gehört Noah Carl [52], der 2018 ein dreijähriges Research Fellowship am St. Edmund’s College in Cambridge [54] bekam. Seine Arbeit über Intelligenz, Immigration, Kriminalität und ethnischen Gruppen sorgte für heftigen Widerstand: Hunderte Professoren und Akademiker unterschrieben einen Brief an das St.f Edmund’s Collge, in dem sie Carls Arbeit als „akademisch diskreditierte Forschungsrichtung“ bezeichnen. Die Forschung sei „ethisch suspekt und methodologisch falsch.“ [54] Das Fellowship wurde schließlich beendet [54]. Dafür öffneten sich neue Türen: Emil Kirkegaard – so sagte er auf den verdeckten Aufnahmen selbst – vermittelte Carl einen Kontakt zu Peter Thiel [10].
Noah Carl war auch Teilnehmer bei der „London Conference on Intelligence“ [55] [56]. Diese Konferenz-Serie gilt als wichtiges Vernetzungstreffen der Szene und wurde ab 2014 mehrmals am University College in London abgehalten, um über Rasse, IQ und Eugenik zu diskutieren. Formal hatten diese Veranstaltungen nichts mit dem College zu tun, die Räume waren für eine „externe Veranstaltung“ [55] gebucht worden, wie die Universität betonte. Aber natürlich bringt man durch solche Veranstaltungen Rassentheorien ganz bewusst in die Nähe der akademischen Welt. Man normalisiert solche Themen, man festigt Netzwerke, man verwischt die Trennlinie zwischen rechtsradikaler Agitation und Wissenschaft, bis sie für oberflächliche Beobachter kaum noch zu erkennen ist.
In diesem Umfeld muss man Nathan Cofnas verstehen. Auch Cofnas publizierte bei Aporia [57] [9]. In seinem Essay „A Guide for the Hereditarian Revolution“ fasste er zusammen, was man als Kernideologie der ganzen Bewegung betrachten könnte: Der Kampf gegen „Wokeness“ könne nur gewonnen werden, wenn hereditarianische Vorstellungen von Unterschieden zwischen „Rassen“ und Geschlechtern von den gesellschaftlichen Eliten akzeptiert würden [9]. Man müsse bei der intellektuellen Elite beginnen; anschließend würden sich Universitäten, Politik und andere Institutionen verändern [9].
Der Cambridge-Zirkel von James Orr
Daneben existiert ein weiterer, politisch-konservativer Kreis um Cambridge, in dem der Theologe und Philosoph James Orr eine wichtige Rolle spielt. Orr agiert als geschickter Vernetzer in der Szene und bezeichnete sein privates Anwesen in Cambridge selbst scherzhaft als das „Right Wing Mecca“ [58]. So bedankte sich etwa Aporia ausdrücklich bei Orr dafür, das Magazin 2023 zur Londoner National-Conservatism-Konferenz eingeladen [57] zu haben. Orr unterhält außerdem enge Beziehungen zum Tech-Milliardär Peter Thiel, der über Orr der Universität Cambridge eine fünfstellige Spende zukommen ließ [13].

Thiels Verbindung zum hereditarianischen Milieu ist aber viel enger: Emil Kirkegaard erzählte dem Undercover-Reporter von „Hope Not Hate“, Thiel habe ihn 2019 für ein persönliches Gespräch eingeflogen [10] [46] und anschließend nach weiteren interessanten Personen gefragt. Kirkegaard habe ihm daraufhin unter anderem Noah Carl und Nathan Cofnas empfohlen [10]. Es gibt allerdings keine Aussagen oder Belege, die darauf hindeuten, dass Cofnas oder auch die HDF direkt von Peter Thiel Geld bekommen hätten [10].
Unbestritten ist, dass Peter Thiel den Polit-Blogger Curtis Yarvin unterstützt [13], der als wichtiger Vordenker der Szene gilt. Yarvin wendet sich explizit gegen demokratische Gleichheitsideale [59]. Unterschiedliche Rassen sind laut Yarvin eben unterschiedlich intelligent, und Intelligenz soll auch Auswirkungen auf staatliche Rechte haben. So schlug er etwa vor, in Südafrika sollten doch nur Menschen mit einem IQ über 120 wählen dürfen [59].
Und was jetzt?
Was machen wir jetzt mit dieser üblen Situation? Uns mit aller Kraft dagegen stemmen, dass Universitäten von rechtsextremer Pseudowissenschaft übernommen werden. Aber das allein wird nicht reichen. Wir müssen einen Schritt zurückgehen und überlegen: Haben wir vielleicht ein größeres Kulturproblem in der akademischen Community?
Wissenschaft wird immer noch mit einem gewissen Starkult-Narrativ verbunden: Wissenschaftlich erfolgreich ist, wer die Nächte durcharbeitet, sich für die Karriere aufopfert. Von einem damals schon berühmten Forscher, der inzwischen den Physik-Nobelpreis gewonnen hat, erzählte man mir schon vor Jahren: „Der geht nicht aufs Klo, der läuft aufs Klo. Weil er sonst wertvolle Sekunden für die Physik verliert.“ Ob das stimmt, weiß ich nicht. Es ist aber auch egal: Es illustriert das Klischeebild des großen Forschers, das unsere akademische Kultur prägt. Wir zelebrieren immer noch den Mythos des harten Mannes (ja, in den Köpfen sind es in erster Linie Männer), der keine Hilfe braucht, keine Schwächen hat und niemals müde wird.
Das bedeutet: Für Menschen mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, besonderen Bedürfnissen ist dann kein Platz. Was ist mit Leuten, die sich nicht in selbstzerstörerischen Arbeitsbedingungen aufreiben wollen? Nicht gut genug für die Wissenschaft! Was ist mit Leuten, die um 17:00 ihr Kind aus dem Kindergarten abholen wollen? Naja, sind die sicher, dass sie das mit der wissenschaftlichen Karriere ernst genug meinen? Was ist mit Leuten, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und nicht durch eine Akademikerfamilie durch die Schulkarriere getragen wurden? Was ist mit Leuten aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen, die sich ab dem ersten Tag an der Uni als Außenseiter fühlen, weil alle anderen dort anders aussehen?
Was ist mit Leuten aus dem Autismus-Spektrum, wie Jason Arday? Sollte man die, wenn man optimalen wissenschaftlichen Output haben möchte, aus dem System werfen? Oder sollte man sie unterstützen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen?
Ob Arday tatsächlich erst im Alter von 18 Jahren lesen und schreiben lernte, ist für diese Frage nicht entscheidend. Dass bei ihm als Kind eine Entwicklungsverzögerung festgestellt wurde [14] und er mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen hatte, ist bekannt. Trotzdem gelang ihm der Aufstieg bis zu einer Professur in Cambridge. Egal wie man zu Arday steht: Er hat vielbeachtete Beiträge zur Forschung geleistet [44] [36], die ihm ein paar Jahre zuvor wohl kaum jemand zugetraut hätte.
Das zeigt aber auch, wie wichtig Unterstützung sein kann. Sollte ein gutes schulisches oder akademisches Umfeld nicht ganz selbstverständlich darauf achten, welche Stärken und Schwächen unterschiedliche Personen haben? Sollte es nicht längst völlig normal sein, in vertrauensvollen Teams zu arbeiten, individuelle Defizite auszugleichen und Fehler rechtzeitig zu erkennen? In einer Forschungsgruppe, in der alle an einem Strang ziehen, einander beobachten und helfen, sollten Plagiate eigentlich grundsätzlich kein Thema sein. Wer wissenschaftliche Standards ernst nimmt, sollte nicht nur Fehler bestrafen, sondern auch Strukturen schaffen, in denen sie erst gar nicht entstehen.
Und genau hier treffen sich der alte akademische Geniekult und die neue Rassenlehre: Man konstruiert ein Ideal des wissenschaftlichen Genies, und man schreibt von vornherein fest, wer diesem Ideal entsprechen darf und wer nicht. Das nennen sie dann „Meritokratie“. Leistung muss sich durchsetzen, sagen die Leute, die gleichzeitig beschließen wollen, was als Leistung zählen darf. So entsteht eine knallharte Wissenschaftsmaschinerie, in der genau der Personentyp gewinnt, der immer schon gewonnen hat – und alle anderen werden als unwert erklärt, völlig unabhängig davon, was sie der Wissenschaft eigentlich zu bieten hätten.
Wissenschaft ist ein geistiges Abenteuer. Wissenschaft heißt, die Vielfalt der Gedanken auszuprobieren, die wir Menschen überhaupt zustande bringen, und herauszufinden, welche davon nützlich sind, um die Welt zu verstehen. Wenn wir dieses System auf Konkurrenz, Härte und Segregation aufbauen, dann werden wir die Vielfalt menschlicher Kreativität nicht ausschöpfen können.
Wer weiten Teilen der Menschheit einfach von vornherein unterstellt, sie wären allergrößtenteils unfähig, jemals irgendetwas Konstruktives zur Wissenschaft beitragen zu können, der verbreitet nicht nur ein übles rassistisches Weltbild, er unterdrückt auch den Fortschritt der Wissenschaft.
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Quellen
- Rob Montz: The Man Who Took Down Cambridge’s Star Professor, Interview (14.8.2026) — Primärquelle des aufgezeichneten Interviews mit dem Harvard-Scherz und der Job-Bemerkung.
- The Guardian: Cofnas suspended by university (20.8.2026)
- Ghent University: Updates on case of a postdoctoral researcher
- Nathan Cofnas: DEI Fraud and Cover-Up at Cambridge (21.7.2026)
- The Guardian: Jason Arday resigns amid accusations (5.8.2026)
- University of Cambridge: Statement about Professor Arday (5.8.2026)
- University of Cambridge: Vice-Chancellor statement (14.8.2026)
- The Guardian: Coroner opens inquest into Jason Arday’s death (26.8.2026)
- Nathan Cofnas: A Guide for the Hereditarian Revolution (2024)
- Hope Not Hate: Race Science Inc. (2024)
- Der Standard: Erik Ahrens’ Plan einer rassistischen Internationale —
- Hope Not Hate: The HDF influencer scheme
- Byline Times: Peter Thiel and Cambridge University pipeline (9.7.2026)
- University of Cambridge: Jason Arday joins Faculty of Education (2023)
- The Guardian: Jason Arday’s childhood account scrutinised (12.8.2026)
- JustGiving: Jason Jogs 30 Marathons in 35 Days (2010)
- JustGiving: Jason Arday – The 300 (2011)
- Analyse der ursprünglichen Berichte über Ardays Marathon und Haarriss
- Chronologische Prüfung der Marathon-Belege und zeitgenössischen Berichte
- Lewisham Borough FC: Jason Arday, Spielerprofil
- The Guardian: The rise and fall of Jason Arday (6.8.2026)
- Cofnas: Research on group differences in intelligence, Philosophical Psychology
- American Association of Biological Anthropologists: Statement on Race & Racism
- US National Academies: Using Population Descriptors in Genetics and Genomics Research
- University of Cambridge: Disciplinary investigation, Dr Cofnas
- The Guardian: Ghent professors challenged expertise of Cofnas (27.8.2026)
- Inside Higher Ed: Academics back Nathan Cofnas in open letter (25.8.2026)
- Retraction Watch: Untersuchung der Arday-Publikationen (27.7.2026)
- University of Cambridge: Statement to media (2.8.2026)
- Byline Times: The story behind the story of the impossible data (10.9.2026)
- The Guardian: Black academics respond to Jason Arday affair (8.8.2026)
- London Metropolitan University: Decolonising London Met (2020)
- For Better Science: Offener Brief zu Cofnas und Unterzeichnern
- The Guardian: Cofnas permitted research but barred from teaching (30.8.2026)
- MDPI: Correction to Arday (2018) (2023)
- Jason Stanley: It sure looks like Jason Arday was… (2026)
- University of Cambridge: Vice-Chancellor statement (12.8.2026)
- Arday (2018): Understanding Mental Health, Social Sciences
- Vrije Universiteit Amsterdam: Baud-Kommission, Untersuchungsbericht Mart Bax (2013)
- Stanford Board of Trustees: Bericht zum Fall Tessier-Lavigne (2023)
- Tilburg University: Levelt-Kommission zum Fall Stapel
- Bentley University: Statement on Professor James Hunton
- Stanford: Instances of Scientific Misconduct, Tessier-Lavigne
- Giorgio Gilestro: Four lies about Jason Arday (2026)
- University of Cambridge: Statement (21.8.2026)
- The Guardian: International race-science network funded by US tech boss (2024)
- Paul Lombardo: The American Breed, Nazi Eugenics and the Pioneer Fund
- Hope Not Hate: History of the Pioneer Fund
- Emil Kirkegaard: Closing of HDF, eigene Stellungnahme (2026)
- Emil Kirkegaard: Taboo Science Inc., eigene Stellungnahme (2024)
- OpenPsych: About
- Aporia: Special announcement on Noah Carl
- The Guardian: Steven Pinker and the Aporia podcast (7.6.2025)
- Varsity: St Edmund’s ends Noah Carl fellowship (2019)
- UCL: Statement on London Conference on Intelligence (2018)
- Varsity: Noah Carl and the intelligence conference
- Aporia: Special report on the NatCons (2023)
- UnHerd: James Orr and the Conservative Kibbutz (2025)
- Curtis Yarvin: South Africa, the solution (2009)