Mit Jesusbildern gegen Menschlichkeit
Rechtsradikales Christentum und Faschismus: Eine verhängnisvolle Koalition gegen Gleichberechtigung, Vernunft und Wissenschaft wird immer mächtiger – auch in Europa. Eine Analyse der ultrakonservativen Gruppe „Tradition, Familie, Privateigentum“.
Breitet sich weltweit ein rechtsradikales, christlich-fundamentalistisches Weltbild aus? Ach, das klingt doch nach irrationaler Panikmache! Hat sich das Christentum nicht längst mit einem aufgeklärt-rationalen Weltbild versöhnt? Der Vatikan hat doch Galileo Galilei offiziell rehabilitiert, statt eines naiven Junge-Erde-Kreationismus vertritt man dort heute die Urknalltheorie, und sogar mit Darwins Evolutionstheorie hat man Frieden geschlossen!
Nein, so einfach ist es leider nicht. In den USA sehen wir, wie sich eine neue Koalition bildet, aus fundamentalistischem Christentum, kulturkämpferischem Faschismus und kapitalistischen Tech-Bros. Inhaltlich macht das weniger Sinn als eine Koalition aus Flammenwerfern und Eiswürfeln, aber zusammen arbeitet man an einem konservativen Backlash. Und das offenbar mit Erfolg.
Rechte Religions-Netzwerke
Jetzt können wir uns in Europa natürlich gegenseitig auf die Schulter klopfen und über die USA lästern: „Seht euch diese radikalisierten Amerikaner an! Rechtsradikal und ultrareligiös – so etwas könnte doch bei uns, im säkularen Europa niemals passieren!“ Das klänge beruhigend, wäre aber halt nicht wahr.
Denn diese einflussreichen, ultrakonservativen, christlich-fundamentalistischen Gruppen, die uns in einen Kulturkampf ziehen wollen, sind längst weltweit aktiv: Engagement für Minderheiten wird als „Wokeness“ diffamiert, lustvolle Sexualität wird als sündig und unmoralisch abgestempelt, und der Kampf für soziale Gerechtigkeit als marxistische Bedrohung.
Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF), ein Zusammenschluss von Parlamentsabgeordneten aus ganz Europa, hat 2025 einen Bericht über radikale religiöse Gruppen vorgelegt, die sich für einen konservativen Umschwung einsetzen: Über 200 Millionen US-Dollar pro Jahr hat das religiös-rechte Netzwerk der konservativen „Anti-Gender“-Bewegung in Europa zur Verfügung – im Zeitraum 2019–2023 insgesamt über 1,18 Milliarden Dollar.
Dieses Geld wird dann unter anderem für Lobbying ausgegeben, für PR, für politische Parteien und Think-Tanks. Der überwiegende Großteil dieses Geldes wird in Europa selbst eingeworben, aber auch aus dem Ausland kommen großzügige Finanzhilfen: Jährlich fließen Millionen aus den USA und Millionen aus Russland in die Kassen europäischer radikalreligiöser Gruppen.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie groß die internationale Solidarität ist, unter Gruppierungen, die Internationalismus und Solidarität eigentlich bekämpfen wollen.
Die Pride-Month-Kontroverse
Ein interessantes Beispiel für ultrakonservativen christlichen Fundamentalismus ist die Organisation „Tradition, Familie, Privateigentum“ (TFP). Sie sorgte kürzlich in Österreich für interessante Diskussionen: Im Juni wird auf der Wiener Ringstraße traditionell die Gay Pride Parade abgehalten, Kunstaktionen werden veranstaltet, Regenbogenfahnen werden gehisst.
2026 waren dazwischen aber auch ungewohnte Plakate zu sehen, mit einem altmodischen Jesus-Portrait und der Aufschrift „Juni ist der Herz-Jesu Monat“. Offensichtlich eine christlich motivierte Gegenposition zum „Gay Pride Month“. Ein unscheinbarer QR-Code auf dem Plakat führt zur Organisation TFP, der Gay Pride ein Dorn im Auge ist. Oder eher eine ganze Dornenkrone.
Auf der TFP-Homepage wird rasch klar: Hier handelt es sich nicht um einen Bibelkreis, auch nicht um eine Organisation der Amtskirche, sondern um eine Organisation, die sich kein geringeres Ziel gesetzt hat als den „Wiederaufbau der christlichen Zivilisation“. Die ist nämlich in größter Gefahr, findet TFP: Durch so schlimme Dinge wie Humanismus, die Abschaffung des Adels oder gar Marxismus. Und außerdem natürlich durch Homosexuelle und alles, was mit Gender zu tun hat.
TFP ist nicht einfach christlich, sondern rechtskonservativ fundamentalistisch.
Die Sache wurde medial aufgegriffen: Für die Tageszeitung „der Standard“ sahen sich Fabian Schmid und Beate Hausbichler die Sache näher an und stellten die Frage: Ist diese Werbung ok? Widerspricht das nicht vielleicht den Ethik-Grundsätzen der Gewista, des Medienunternehmens, das im öffentlichen Raum Plakatflächen verwaltet? Die Gewista vergibt nämlich die Plakatflächen nicht blind an alle zahlenden Kunden, sie hat gewisse Regeln: Parteipolitische, diskriminierende oder rassistische Inhalte sowie Werbungen für Spirituosen und Nikotinprodukte werden nicht geschaltet.
Wie ist das hier? Ist katholischer Fundamentalismus politisch? Ist er diskriminierend?
Darauf antwortete der Medienmacher Michael Fleischhacker in seiner Kolumne im Magazin NEWS. Und diese Kolumne ist sehr interessant, weil sie als prototypisches Beispiel dienen kann, für Reaktionen konservativer Kommentatoren auf radikal rechte christliche Strömungen: Fleischhacker findet die Kritik an der Plakataktion untragbar. Es ist eine Kolumne wie ein Presslufthammer: „Gesinnungsschnüffelei und Repression” heißt der Text. Um subtile Zwischentöne geht es hier eher nicht.
Fleischhacker ortet „Gesinnungspolizei“ und „Unterdrückung“: Früher mag ja eine religiös-konservative Mehrheit die progressive Minderheit unterdrückt haben, schreibt er. Aber heute ist es genau umgekehrt: Eine progressive Minderheit unterdrückt die religiös-konservative Mehrheit.
Ach wirklich? Das ist natürlich äußerst bitter. Konservative Meinungen werden unterdrückt – sagt ein Konservativer, der seine Meinung in eigenen Fernsehsendungen und Zeitungskolumnen ununterbrochen unters Volk bringen darf. Wenn das Unterdrückung ist, wären wohl viele Leute gerne ein bisschen unterdrückter. Man weiß gar nicht, wohin mit dem vielen Mitleid, für so viel Unterdrückung.
Gleichsetzung von Kritik und Verbot
Fleischhacker fasst zusammen: „Die Frage lautet also: Soll es in einer demokratischen Gesellschaft möglich sein, klassische religiöse Position [sic] in gesellschaftlichen und grob gesagt moralischen Fragestellungen zu vertreten?“ Und das ist interessant, denn genau das ist die typische konservativ-kulturkämpferische Diskursverschiebung. Kritik an einer Sache wird gleichgesetzt mit der Forderung nach einem Verbot dieser Sache.
Nein, die Frage ist eben genau nicht, ob man in einer demokratischen Gesellschaft klassische religiöse Positionen vertreten darf. Selbstverständlich darf man das. Niemand hat das bezweifelt, niemand hat das in Frage gestellt. Wo sind die Leute, die ein Verbot religiöser Meinungen fordern? Leben die zusammen mit unsichtbaren rosa Einhörnern hinter den sieben Bergen?
Es geht nicht darum, ob es legal ist, im öffentlichen Raum Jesus-Plakate aufzuhängen. Natürlich ist es das. (Auch wenn es durchaus spannend wäre, Meinungsartikel derselben konservativen Kommentatoren zu lesen, wenn jemand in Wien muslimische Plakate aufhängen würde.)
Diskussionswürdig ist nur die Frage, ob es gegen die offiziellen Regeln eines bestimmten Medienunternehmens verstößt, Plakatflächen im öffentlichen Raum an eine extremistisch-religiöse Gruppierung zu vermieten. Das ist kein Mundtotmachen, das ist kein Verbieten, das ist noch nicht einmal Religionskritik.
Konservativismus als Norm?
Wenn extreme religiöse Gruppierungen wie TFP öffentlich sichtbarer werden, verschiebt sich natürlich auch die Vorstellung davon, was in Religionsfragen „normal“ ist. „Klarerweise kann ein wirklich gläubiger Katholik weder die Abtreibung noch die Stammzellenforschung oder die Adoptionsmöglichkeit für Homosexuelle gutheißen“, schreibt Fleischhacker in seiner Kolumne.
Man soll sich also nicht aufregen, wenn eine religiöse Gruppierung radikalkonservative Vorstellungen hat, denn radikalkonservative Vorstellungen sind im Christentum doch nun einmal normal! Muss man wissen!
Ach, ist das so? Wer hat das beschlossen? Das Christentum (und auch der katholische Teil des Christentums) ist keine Einheitsfront. Wir reden hier über eine äußerst heterogene Gruppe, die aus vielen Millionen Menschen besteht, aus ganz unterschiedlichen Ländern und kulturellen Traditionen, mit ganz unterschiedlichen Ansichten. Das reicht von Rechtskonservativen bis hin zu Leuten, die man in TFP-Kreisen als linksradikal-progressiv bezeichnen würde.
Wer richtet diesen Leuten dann aus, dass sie keine „richtigen“ Christen sind? Gehört dazu auch der Papst? Denn der verstorbene Papst Franziskus zum Beispiel war für die katholisch-fundamentalistische Gruppierung TFP ein umstürzlerischer Linker. Franziskus stieß den weltweiten „synodalen Prozess“ an: Er wollte die Kirche weniger hierarchisch machen. Bischöfe und Priester sollten sich nicht als Herren verstehen, sondern als Diener.
Das ist für Radikalkonservative natürlich nicht akzeptabel. Dann dürften möglicherweise Leute mitreden, die keine Priesterweihe empfangen haben. Wo kommen wir hin! Und dieser linksradikale Papst ging sogar noch weiter – wiederverheiratete Geschiedene dürfen unter bestimmten Bedingungen die Kommunion empfangen. Was für ein Skandal! Und homosexuelle Partnerschaften dürfen kirchlich gesegnet werden! Um Himmels Willen!
Ungleichheit ist gut, Chancengleichheit ist böse?
Was wollen diese konservativen Katholiken der TFP dann eigentlich? Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf diese Gruppierung zu werfen – oder besser gesagt: auf dieses Gruppierungs-Geflecht. TFP ist weniger ein Verein als vielmehr ein Soziotop aus Schwestergruppierungen in unterschiedlichen Ländern, manche mit dem Kürzel „TFP“ im Namen, manche ohne. TFP betreibt Think-Tanks, organisiert Veranstaltungen, knüpft Kontakte in höchste Kreise.
Entstanden ist TFP 1960 als „Tradição, Família e Propriedade” in Brasilien. Ihr ideologischer Vordenker ist Plinio Corrêa de Oliveira, dessen Thesen auch heute noch den Kern der TFP-Ideologie bilden.
De Oliveira beschreibt die Geschichte der Neuzeit als eine Serie verhängnisvoller Revolutionen gegen die katholische Ordnung: Schon der Humanismus der Renaissance war für ihn kein Fortschritt, sondern der Beginn von Säkularisierung und Gottlosigkeit – ein origineller Ansatz, wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche gerade in dieser Zeit prägend, mächtig und diskursbestimmend war.
Dann folgten nach de Oliveiras Ansicht die großen revolutionären Erschütterungen: Der Protestantismus, der die Einheit der Kirche zerstörte. Die Französische Revolution, in der gottgegebene Gesellschaftsordnungen umgestürzt wurden. Der Kommunismus, der die klassenlose Gesellschaft forderte.
Und dann zu allem Überfluss auch noch die Kulturrevolution der 1968er-Generation (die mit den respektlosen langhaarigen Hippies) und die Postmoderne (die mit den seltsamen woken französischen Philosophen, die ohnehin kein Mensch versteht.)
Ein zentrales Motiv bei Plinio Corrêa de Oliveira ist der unerschütterliche Glaube an natürliche (oder gottgegebene) Hierarchien. Manche Menschen sind einfach besser als andere. Und dieser Unterschied muss mit allen Mitteln verteidigt werden – mit einer „Gegenrevolution“ gegen die gleichmacherischen Tendenzen der Neuzeit, durch eine Rückkehr zur ständischen Logik des Mittelalters.
Dazu passt die am Mittelalter orientierte Ästhetik der TFP. Erwachsene Männer ziehen sich ganz ohne Fasching merkwürdige Kutten an, oder setzen sich lustige Hüte auf. Man wedelt mit roten Löwenbannern und bunten Wappen. Das kombiniert man mit Rittertum, Marienfrömmigkeit und Büchern, in denen Plinio Corrêa de Oliveira tatsächlich als „Kreuzritter des 20. Jahrhunderts“ gefeiert wird.
Das Kreuzrittertum mit seinen blutigen Religionskriegen wird nicht als historischer Schandfleck gewertet, sondern als vorbildliche Bewegung wehrhafter Christen.
Befreiungstheologie: so links kann Christentum sein
Man muss Plinio Corrêa de Oliveira und die TFP als Reaktion auf eine ganz andere katholische Strömung verstehen, die ebenfalls in den 1960erjahren in Lateinamerika begann: Die Befreiungstheologie.
In Ländern mit großer sozialer Ungleichheit, in denen der Großteil der Bevölkerung in wirtschaftlicher Armut lebte, während Großgrundbesitzer und Oligarchen die Macht im Staat fest in der Hand hielten, setzten sich viele katholische Priester für mehr Gleichheit ein, für eine basisdemokratische, teilweise sozialistische Gesellschaftsordnung.
Eine prominente Figur dieser Bewegung war Oscar Romero, der Erzbischof von El Salvador, der 1980 während einer Messe von einem Angehörigen der Todesschwadronen ermordet wurde. Die Todesschwadronen waren paramilitärische Einheiten, die dazu dienten, Aufstände der Campesinos, der landlosen Bauern, niederzuschlagen. Aufstände der Unterschicht gegen die reiche Elite sollten im Keim erstickt werden.
Das war eine Taktik, die auch von US-Militärberatern empfohlen und gefördert wurde – Oscar Romeros Mörder waren in den USA ausgebildet worden, in einem Trainingscamp für US-freundliche lateinamerikanische Militärs in Georgia.
Theologisch lässt sich die Befreiungstheologie recht gut begründen: Jesus spricht sich in den Evangelien klar für Verzicht auf persönlichen Reichtum aus, in den Seligpreisungen hebt er die Armen hervor. Natürlich ist ein jahrtausendealter religiöser Text immer ein bisschen wie ein Rorschachtest: Alle sehen darin immer genau das, was sie darin sehen wollen. Aber das christliche Prinzip, sich für Arme und Benachteiligte einzusetzen, lässt sich aus alten christlichen Texten nicht wirklich wegdiskutieren.
Und so entstand das Konzept der „vorrangigen Option für die Armen“. Die lateinamerikanischen Bischöfe hielten fest, dass die Kirche zuallererst für Arme, für sozial Benachteiligte, für Machtlose da sein soll. Papst Johannes Paul II approbierte dieses Dokument dann 1979. Papst Franziskus, selbst Lateinamerikaner, machte diese „Option für die Armen“ zu einem zentralen Prinzip seiner Theologie.
Für Plinio Corrêa de Oliveira war diese Idee von einem „Vorrang“ für Arme natürlich ein skandalöser Schritt in die verkehrte Richtung. Er forderte als Reaktion darauf stattdessen eine „vorrangige Option für den Adel“. Arme Leute in ihrem Elend lösen ja ohnehin das Mitleid ihrer Mitmenschen aus, meint Oliveira. Aber was ist mit Adeligen, die in Schwierigkeiten geraten? Denen sieht man ihr Leiden doch gar nicht an. Ihnen muss die Kirche also helfen!
Feindseligkeit gegenüber Monarchie oder Aristokratie ist für de Oliveira „revolutionär“ und damit moralisch untragbar. Die Ungleichheit zwischen Herrschern und Beherrschten soll nicht gemindert werden, schreibt er. Man wird in soziale Klassen hineingeboren, diese Klassen soll man nicht verwischen. Geistige Arbeit ist prinzipiell höher zu bewerten als körperliche Arbeit. Auch Gleichmacherei zwischen Jung und Alt, zwischen Ehemann und Ehefrau oder Lehrern und Schülern ist für ihn falsch.
Und natürlich müssen Priester über den Laien stehen, auch innerhalb der Priesterschaft soll es eine feste Hierarchie geben.
War Jesus woke?
In diesen Punkten passt Plinio Corrêa de Oliveira bemerkenswert gut zu heutigen konservativen Kulturkämpfern. Was de Oliveira als „revolutionär“ beschimpft, verunglimpft man heute eben als „woke“. Kritische Theorie, die Ungerechtigkeiten zwischen Geschlechtern, zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe oder unterschiedlicher Herkunft analysiert, wird von vornherein abgelehnt – man teilt schließlich nicht einmal die Grundidee, dass Chancenungleichheit etwas Schlechtes ist.
Wenn man es einfach als „gottgegeben“ betrachtet, dass manche Menschen eben über anderen stehen, dann machen Demokratie-, Freiheits- oder Emanzipationsbewegungen von vornherein keinen Sinn. Wie praktisch! Man erspart sich dadurch einen großen Teil aller politischen Diskussionen.
Auch de Oliveiras radikale Ablehnung jeder Idee, die im Entferntesten mit Marxismus oder Sozialismus zu tun haben könnte, erinnert an zeitgenössische Kulturkämpfer. Wer Ungleichheit kritisiert, wird gleich mal in die Nähe von Marx gerückt, und Marxismus wird (ohne dass das näher erläutert werden müsste) als das absolut Böse dargestellt. Marxismus wolle schließlich das Privateigentum abschaffen, meint de Oliveira.
Das ist doppelt interessant: Erstens, weil man aus christlicher Sicht Privateigentum durchaus kritisch bewerten könnte. Schließlich sagt Jesus einem reichen Mann, der ihn um moralischen Rat fragt, ganz klar: „Verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen!“ (Mt 19,21) Man müsste also eigentlich denken, dass Besitzlosigkeit in radikal christlichen Kreisen als erstrebenswert gelten sollte.
Zweitens – und hier liegt das skurrile Missverständnis in dieser Sache – fordert der Marxismus genau das eben nicht! Marx war in der Eigentumsfrage weniger radikal als der Jesus des Matthäus-Evangeliums. Marx kritisiert, dass Einzelpersonen Produktionsmittel besitzen – also etwa Maschinen, an denen dann andere Leute Arbeit verrichten, deren Ertrag dann aber nicht ihnen, sondern den Besitzern der Produktionsmittel gehört.
Marx war dagegen, dass Menschen Fabriken besitzen – nicht dagegen, dass Menschen Zahnbürsten, Bücher oder goldene Uhren besitzen. Diesen Unterschied ignoriert de Oliveira völlig.
Radikaler Rechtskatholizismus und knallharte politische Macht
Die TFP ist eine Gruppierung mit sozialpolitisch ziemlich radikalen Ansichten. Man findet Diktatur legitim, man sieht Demokratie zumindest kritisch, spricht sich für Monarchie und Aristokratie aus, möchte zurück zu einer Gesellschaft, in der man in einen sozialen Status hineingeboren wird, den man nicht hinterfragen darf – ähnlich wie im Mittelalter. Feminismus ist zu bekämpfen, LGBT-Rechte natürlich sowieso. Das ist keineswegs die Lehrmeinung der katholischen Kirche.
Im Gegenteil: Auch wenn TFP keinen offenen Umsturz plant oder Päpsten und Kardinälen den Respekt verweigert (das wäre ja gleichmacherisch, links und revolutionär) sieht sich die TFP klar als reaktionäre Gegenbewegung zur katholischen Kirche – und die katholische Kirche steht TFP auch nicht gerade freundlich gegenüber.
1985 distanzierten sich die brasilianischen Bischöfe ausdrücklich von TFP, speziell unter Papst Franziskus brachen auch zwischen TFP und dem Vatikan tiefe Gräben auf. Dafür aber fand TFP Verbündete in der Politik: In Polen entstand aus dem TFP-Umfeld das „Ordo Iuris“-Institut, ein ultrakonservativer Think-Tank, der 2016 einen Gesetzesentwurf für ein totales Abtreibungsverbot ausarbeitete.
Der Entwurf fand im Parlament keine Mehrheit, trotzdem ist das Abtreibungsrecht in Polen extrem restriktiv, Ordo Iuris gilt als wichtiger Akteur in Polens Anti-Abtreibungs- und Anti-Gender-Politik. Aleksander Stępkowski, eine der zentralen Figuren des Ordo Iuris, wurde von der rechtskatholischen PiS-Partei zum Unterstaatssekretär im Außenministerium gemacht, und später zum Höchstrichter.
Ordo Iuris arbeitet auch mit der extrem rechten Fraktion im Europäischen Parlament „Patrioten für Europa“ zusammen, zu der unter anderem die österreichische FPÖ, die ungarische Fidesz und die spanische VOX gehören. Ordo Iuris verfasste gemeinsam mit dem rechtskonservativen ungarischen Thinktank das Manifest „The Great Reset“ für die Zukunft der EU – ein Plan, die Union zu renationalisieren und die europäische Einigkeit zu zerstören.
Näher analysiert hat das Neil Datta, Executive Director des European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF). Sein EPF-Bericht zeigt: TFP und ideologisch verwandte Gruppierungen setzen sich in vielen europäischen Ländern gezielt gegen sexuelle und reproduktive Rechte von Frauen ein. Etwa in Kroatien (über die TFP-nahe Organisation Vigilare) oder in Estland (über SPTK), wo man gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften vorzugehen versucht.
Der Bericht zeigt auch, dass TFP bestens im Netz extrem rechter Parteien eingebunden ist: In Spanien pflegt man Kontakte zur rechten, europafeindlichen Partei VOX, in Deutschland zur AfD. So war etwa Paul Herzog von Oldenburg, der Cousin von AfD-Politikerin Beatrix von Storch, für TFP aktiv. In Brüssel leitete er das Büro von „Pro Europa Christiana“, einem TFP-nahen Verband.
Extremistisch, militaristisch, sektenähnlich
Dass sich TFP eine aristokratische Gesellschaft wünscht, heißt allerdings nicht, dass man sich dort in aristokratisch-nobler Zurückhaltung übt. Schon in den 1970er- und 1980erjahren wurde TFP in Lateinamerika immer wieder als militant, extremistisch und paramilitärisch beschrieben. Der Historiker Ben Cowan, Professor an der University of California, San Diego, beschäftigte sich intensiv mit der religiösen Rechten in Lateinamerika und ihren Verbindungen in die USA.
Seine Diagnose: TFP war schon in ihrer Anfangszeit eng mit Militärregimes verbunden.
Man warf TFP schon damals vor, sektenähnlich zu agieren, junge Männer mit kidnapping-ähnlichen Methoden zu rekrutieren und zu indoktrinieren. Das sorgte damals für viel Aufsehen und heftige Diskussionen, sogar eine parlamentarische Untersuchungskommission wurde 1975 eingesetzt, um die Gefährlichkeit von TFP zu analysieren.
Die Untersuchung verlief schließlich im Sand, eine parlamentarische Verurteilung gab es nicht – was angesichts der guten Beziehungen von TFP zum damaligen Militärregime vielleicht nicht überraschen sollte. Presseberichte über kultartige Praktiken von TFP, gezielte Entfremdung junger Männer von ihren Familien und psychischen Druck, tauchten trotzdem auch danach immer wieder auf.
Eine geheime (inzwischen öffentlich gemachte) diplomatische Meldung an das US-Außenministerium aus dem Jahr 1979 bezeichnet TFP als „ultrarechte Gruppierung“, als extremistische Organisation, die in den Straßen von São Paulo rechtsextreme Bücher verhökert und offenbar von reichen Geschäftsleuten großzügig gesponsert wird. Die Rede ist auch von einem Verdacht auf rechtsextremen Terror und Sabotage.
Diese Anschuldigungen, so heißt es dort, seien unbewiesen, aber TFP habe eine paramilitärische Sektion, in der Mitglieder Training im Umgang mit Handfeuerwaffen und automatischen Waffen erhielten.
Die Strategie, junge, leicht formbare, ideologisch orientierungslose Männer anzusprechen, funktioniert heute noch genau wie damals. Im Brasilien der 1970er lockte man sie in rechtskatholische Männerbünde, mit Werten wie Keuschheit, Disziplin und militantem Antikommunismus. Das erinnert an die Manosphere und die Incel-Kultur unserer Zeit, in der soziale Unsicherheit junger Männer in Misogynie, Sexualfeindlichkeit und rechte politische Gesinnung umgemünzt wird.
Sexuelle Enthaltsamkeit ist bei TFP ein heiliges Ideal, bei Incels eher ein Systemfehler bzw. eine Boshaftigkeit der Frauen – doch in beiden Fällen bildeten sich heroisch-asketische, misogyne Männerbünde mit radikaler Agenda.
Dass TFP und das Geflecht der Partner-, Tochter- oder Geschwisterorganisationen auch höchst problematische Sichtweisen auf Wissenschaft hat, ist nicht überraschend: Die Evolutionstheorie lehnt man ab („How Evolution Means the Death of the Soul“ schreibt etwa die US-amerikanische TFP), Darwinismus zählt ebenso zum „revolutionären“ also anti-christlichen Denken wie Reformation oder Marxismus.
Auch der Klimawandel wird auf polemische Art angezweifelt – auch hier stellt sich TFP wieder gegen den ungeliebten Papst Franziskus, der sich in seiner Enzyklika „Laudato si“ 2015 klar für Umwelt- und Klimaschutz aussprach.
Das ist nicht der christliche Mainstream!
All das zeigt: Wir haben es hier nicht einfach mit konservativen Ideen zu tun, mit religiösen Traditionen, die ohnehin schon immer da waren. Das ist ein Netzwerk von Organisationen, die sich heute plötzlich wieder mittelalterliche Gesellschaftsideale zurückwünschen. Die sich eine „Gegenrevolution“ herbeisehnen, die alle gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrhunderte rückgängig machen würde.
Das passt weder zu christlicher Philosophie oder Moraltheologie, noch zu den Vorstellungen der offiziellen katholischen Kirche. Das ist ein radikales Minderheitenprojekt, das seit den 1970ern offenbar politisch bestens vernetzt ist, gut versorgt mit großzügigen Budgets.
Man beginnt bei Forderungen, die oberflächlich betrachtet harmlos klingen: Mehr natürliche Familienplanung statt Verhütung! Hilfe für junge Mütter als Alternative zu Abtreibung! Doch diese Angebote (Neil Datta nennt sie „anti-gender-services“) kippen dann sehr schnell um: Aus „wir bieten etwas an“ wird plötzlich „alle anderen Optionen müssen verboten werden“. Dann kommt die Forderung nach brutalen Abtreibungsverboten, selbst bei Lebensgefahr der Mutter oder nach Vergewaltigungen.
Oder nach dem Verbot jeglicher Sexualkunde an Schulen. Oder psychisch grausame Konversionstherapien für Homosexuelle.
In der europäischen Bevölkerung wären die Prinzipien von TFP mit Sicherheit nicht mehrheitsfähig. Aber weil diese Prinzipien verschleiert werden, als harmloser christlicher Traditionalismus, passiert es konservativen Kommentatoren (wie etwa Michael Fleischhacker in seiner Kolumne) recht leicht, die Gefahr zu unterschätzen. Nein, TFP ist nicht einfach nur ein bisschen altmodisch, ein bisschen verwurzelt in religiösen Traditionen, ein bisschen unzufrieden mit postmoderner Queer-Culture.
Es handelt sich um christlichen Fundamentalismus, der sich mit rechtsextremen Parteien verbündet, mit reichen Geldgebern aus Industrie und Adel, und somit zu einem echten Machtfaktor in Europa wird.
Es handelt sich nicht bloß um eine Modeströmung. Es ist kein Internettrend, durch den junge Leute heute eben wieder religiöser werden. Es ist ein bewusst geplantes und mit viel Geld betriebenes Machtprojekt. Die neue religiöse Rechte baut Netzwerke, Thinktanks, Medienplattformen. Man organisiert internationale Konferenzen, erarbeitet Gesetzesvorschläge, strebt nach institutioneller Verankerung. Es geht darum, Europa umzubauen. Und morgen die ganze Welt.
Und dieser Sog führt dann in ein Gesellschaftsbild des Mittelalters, mit einer scharfen Trennlinie zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Mann und Frau, zwischen dem, was für „anständig“ und dem, was für „unanständig“ erklärt wird. Auf diese Weise verlieren wir vieles, wofür Generationen unserer Vorfahren bitter gekämpft haben: Menschenrechte, Demokratie, Gleichberechtigung, eine solidarische Gesellschaft, ein rational-wissenschaftliches Weltbild. Und das sollten wir uns nicht nehmen lassen.
Interaktive Ergänzung: Der Bericht The Next Wave von Neil Datta beschreibt ein weit verzweigtes europäisches Netzwerk religiös-konservativer und Anti-Gender-Akteure. Ich habe einen Teil dieses Netzwerks grafisch aufbereitet und um einige ausgewählte historische und deutschsprachige Verbindungen ergänzt. Das interaktive Netzwerk öffnen.
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Literatur und Quellen
Auswahl der wichtigsten Quellen und weiterführenden Links; weitere Quellen sind direkt im Fließtext verlinkt.
Berichte und Studien
- Neil Datta / EPF: The Next Wave. How Religious Extremism Is Reclaiming Power, 2025.
- EPF: New Report Exposes Funding to Anti-rights Initiatives in Europe, 2025.
- Neil Datta / EPF: Modern-day Crusaders in Europe. Tradition, Family and Property, 2020.
- Ben Cowan: A Family Affair: TFP and the Vagaries of Moral Panic in Authoritarian Brazil, Journal of Latin American Cultural Studies, 2025.
TFP- und Oliveira-Primärquellen
- TFP Österreich: Wer sind wir?
- American TFP: The Founder – Plinio Corrêa de Oliveira.
- Plinio Corrêa de Oliveira: Revolution and Counter-Revolution.
- Plinio Corrêa de Oliveira: Nobility and Analogous Traditional Elites.
- TFP: Preferential Option – What Is It?
- TFP: How Evolution Means the Death of the Soul.
- TFP: Interview on Laudato Si / Calvin Beisner.
Kirchliche und theologische Dokumente
- Pontifical Academy of Sciences: John Paul II on the Galileo case, 1992.
- Vatikan: Amoris laetitia, 2016.
- Vatikan: Fiducia supplicans, 2023.
- Vatikan: Laudato si, 2015.
- Congregation for the Doctrine of the Faith: Instruction on Certain Aspects of the Theology of Liberation, 1984.
- AMA Journal of Ethics: Roman Catholic Ethics and the Preferential Option for the Poor, 2007.
Medienberichte, Politik und Netzwerkquellen
- Der Standard: Gewista verteidigt queerfeindliche Plakate, 2026.
- NEWS / Michael Fleischhacker: Gesinnungsschnüffelei und Repression, 2026.
- MDR: Polen – Streit um Abtreibungsverbot und Gesetzentwurf, 2016.
- OpenDemocracy: Ordo Iuris and the Polish state / abortion politics, 2020.
- Council of Europe PACE: Aleksander Stępkowski CV / ECHR election materials.
- Ordo Iuris / MCC: The Great Reset – Restoring Member State Sovereignty in the European Union, 2025.
- Ordo Iuris: Discussion of the Great Reset proposal in the European Parliament / Patriots for Europe context.
- Patriots for Europe: official website.
- Nobility.org: Interview with Paul Herzog von Oldenburg.
- LobbyFacts: Fédération Pro Europa Christiana.