Kernenergie: die Zukunft von vorgestern
Kernenergie ist vielleicht noch nicht tot. Aber sie bewegt sich nicht mehr und riecht komisch. Ein Streifzug durch das Gewirr von besseren und schlechteren Argumenten rund um die Kernenergie.
Für mich begann es nicht mit technischen Fakten, sondern mit großen Emotionen: Mit dem Thema Kernenergie hatte ich erstmals Kontakt, als ich als Kind an der tschechischen Grenze stand, bei Protesten gegen das Kernkraftwerk Temelín. Kernkraftwerke waren für mich eine unheilvolle Teufelstechnologie, eine tickende Zeitbombe, die Mensch und Natur vernichtet. Das war damals im nördlichen Oberösterreich eine verbreitete Sichtweise: Alles, was mit Atomen und Radioaktivität zu tun hat, ist absolut inakzeptabel, Ende der Diskussion! Ich kann dieses Gefühl bis heute nachvollziehen – schließlich hatte ich es damals selbst.
Später begann ich mich für die technischen Hintergründe zu interessieren und erkannte: Die Sache ist komplizierter. Ich studierte schließlich Physik, an der TU Wien, die einen eigenen nuklearen Versuchsreaktor betreibt. Was sich früher bedrohlich angefühlt hatte, erschien jetzt spannend und verlockend. Es ist aufregend, etwas zu verstehen, wovor andere einfach nur bauchgefühlte Angst empfinden. Man kann sich dadurch überlegen fühlen und innerlich über naive Außenseiter lächeln, die nicht mal eine nukleare Zerfallsreihe aufzeichnen können. Diese Art von techno-optimistischer Innovationsbegeisterung scheint mir unter Physikerinnen und Physikern recht verbreitet zu sein. Auch dieses Gefühl kann ich bis heute nachvollziehen – schließlich hatte ich es damals selbst.
Heute sehe ich die Sache etwas differenzierter. Wahr ist und bleibt: Die Kernenergiediskussion wird von allen Seiten manchmal mit richtig schlechten Argumenten geführt. Unfaire Vergleiche werden gebracht. Kosten-Nutzen-Rechnungen werden fantasievoll zurechtgebogen. Nachteile werden verschwiegen.
Kernenergie ist nicht notwendigerweise so gefährlich und so umweltschädlich, wie viele Leute glauben. Aber heute, im Jahr 2026, scheint klar: Sie hat verloren. Kernenergie – zumindest so, wie wir sie kennen – hat keine Zukunft. Während Photovoltaik und Wind massiv ausgebaut werden, kommt Kernenergie nicht vom Fleck. Photovoltaik wird immer billiger, Kernenergie bleibt schrecklich teuer. Sie ist niemals nachhaltig, sie braucht extrem hohe Investitionen, die sich höchstens auf einer Zeitskala von Jahrzehnten rechnen, sie ist langsam und ökonomisch schwer berechenbar, und sie löst unsere Probleme nicht. Es lohnt sich aber, bessere und schlechtere Argumente gegen Kernenergie sorgfältig aufzudröseln.
Tschernobyl und Fukushima
Wir alle wissen: Radioaktivität kann Menschen umbringen. Allein die Katastrophe von Tschernobyl kostete vielen Menschen das Leben. Ganze Städte mussten geräumt werden, tausende Quadratkilometer wurden unbewohnbar. Sollte die Diskussion an dieser Stelle nicht eigentlich schon zu Ende sein? Wie kann man eine Technologie befürworten, die solche Katastrophen möglich macht?
Ganz so einfach ist die Sache nicht. Das Gegenargument aus Sicht der Nukleartechnik ist: Tschernobyl hätte niemals passieren können, wenn man sich nicht katastrophal dumm verhalten hätte. Schon das Konstruktionsprinzip des Reaktors war abenteuerlich: Es handelte sich um einen Graphit-Reaktor – eine Technologie, die viel gefährlicher ist als Reaktoren, die heute üblich sind. (Allerdings kann man mit Graphit-Reaktoren leichter waffenfähiges Plutonium gewinnen.)
Die eigentliche Katastrophe wurde ausgelöst, indem ein verantwortungsloser Versuchsleiter ein unerlaubtes Experiment durchführte und die vorgeschriebenen Regeln ganz bewusst ignorierte. Dass sich auf diese Weise eine nukleare Katastrophe ereignen kann, ist genauso wenig überraschend wie die Erkenntnis, dass eine Flugreise eventuell nicht mehr so ganz friktionsfrei verläuft, wenn der Flugkapitän ganz gezielt beide Triebwerke anzündet.
Auch das Reaktorunglück von Fukushima wäre vermeidbar gewesen: Dort fielen nach dem Tsunami die Notstromgeneratoren aus, die dafür zuständig gewesen wären, die Reaktoren nach dem Abschalten zu kühlen. Man braucht nicht viel Kerntechnik-Expertise, um zu verstehen: Eine Anlage, die man nicht einfach gefahrlos abschalten kann, ein System, das nach dem Ausschalten immer noch Energieversorgung benötigt, um eine Katastrophe zu verhindern, ist sicherheitstechnisch nicht unbedingt das Allerklügste. Natürlich könnte man das technisch auch anders lösen. Es gäbe Reaktordesigns, die einfach von selbst zum Stillstand kommen, wenn man die Anlage herunterfährt.
Aber dass in Tschernobyl und Fukushima viel Fehlplanung und Sorglosigkeit im Spiel war, soll keine Ausrede für die Kernenergie sein: Menschen sind gestorben. Umwelt wurde verseucht. Niemandem ist geholfen, wenn man erklärt: „Tut mir leid, du hast jetzt Krebs, aber mach dir keine Sorgen: Es wäre technisch gesehen völlig vermeidbar gewesen!“
Fehlplanung und Sorglosigkeit sind relativ verlässliche Konstanten in der Menschheitsgeschichte – man wird sie nicht ganz wegbekommen. Es kommt auch vor, dass Menschen ganz bewusst eine Katastrophe auslösen – was wäre, wenn eine Terroristengruppe die Kontrolle über ein Kernkraftwerk an sich reißen würde? Dann ist die entscheidende Frage: Was kann man schlimmstenfalls damit anrichten? Und das ist gar nicht so leicht zu beantworten.
Wie tödlich ist ein Super-GAU nun wirklich?
Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Frage, wie viele Leute nun in Tschernobyl gestorben sind. Unstrittig sind 30 Todesfälle: Zwei Menschen starben unmittelbar bei der Explosion, 28 weitere innerhalb weniger Wochen an akuter Strahlenkrankheit. Aber natürlich ist die tatsächliche Opferzahl viel höher. Was ist mit den Menschen, die vielleicht erst Jahre später an Krebs starben? Man kann niemals sagen, ob dieser eine Krebs eine Spätfolge des Reaktorunglücks ist, oder ob diese Person auch ohne Reaktorkatastrophe an Krebs erkrankt wäre. Das ist medizinisch prinzipiell nicht zu beantworten.
Wie geht man damit wissenschaftlich um? Das ist schwierig. Eine Möglichkeit wäre, die Krebsraten der betroffenen Bevölkerung zu erheben – vor dem Unglück und nach dem Unglück. Oder die Krebsrate in schwer betroffenen Regionen und die Krebsrate in nicht betroffenen Regionen. Wenn man dann einen Unterschied findet, kann man ausrechnen, wie viele Krebsfälle aus der Region um Tschernobyl statistisch gesehen auf die Katastrophe zurückzuführen sind.
Das klingt gut, klappt aber nicht wirklich. Die Methode funktioniert, wenn der Unterschied eindeutig ist. Wenn man zum Beispiel Raucher mit Nichtrauchern vergleicht, ist die Lungenkrebswahrscheinlichkeit bei Rauchern so deutlich höher, dass man daraus abschätzen kann, wie viele zusätzliche Todesopfer das Rauchen in der Bevölkerung fordert.
Bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist der Effekt glücklicherweise viel geringer. Die Krebsraten in der betroffenen Bevölkerung sind statistisch gesehen nicht so stark erhöht, dass man daraus statistische Schlüsse ziehen könnte. Nur die Rate von Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist deutlich gestiegen, mit mindestens 15 Todesopfern bis 2002. Bei anderen Arten von Krebs sind die Befunde umstritten bzw. statistisch nicht belastbar.
Das hat mehrere Ursachen. Erstens: Krebs ist nun mal eine relativ häufige Krankheit – und sie wird immer häufiger, weil wir immer besser darin werden, andere Krankheiten zu heilen. Wenn andere Todesursachen seltener werden, dann sterben mehr Leute an Krebs, die in früheren Zeiten ihren Krebs gar nicht mehr erlebt hätten. Wenn es grundsätzlich viele Krebsfälle gibt, wird eine Erhöhung der Krebsrate durch einen Reaktorunfall schwer zu detektieren – genau wie man die Erhöhung des Lärmpegels durch ein vorbeifahrendes Auto schwer detektieren kann, wenn gleichzeitig fünf Presslufthämmer ohnehin schon alles übertönen.
Zweitens: Auch wenn man Unterschiede findet, kann es sein, dass diese Unterschiede nicht auf die Reaktorkatastrophe zurückzuführen sind, sondern auf andere Effekte – besonders, wenn man zwei Gruppen vergleicht, zwischen denen es auch andere Unterschiede gibt: Wenn man Stadtbevölkerung mit Landbevölkerung vergleicht, wird man unterschiedliche Krebsraten messen. Wenn man eine Bevölkerungsgruppe vorsichtshalber einfach häufiger auf Krebs untersucht als die andere, wird man unterschiedliche Krebsraten messen. Wenn man Bevölkerungen unterschiedlicher Länder mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen, Ernährungsgewohnheiten und Traditionen miteinander vergleicht, wird man unterschiedliche Krebsraten messen.
Im Rahmen solcher Unsicherheiten ist es wissenschaftlich nicht möglich, die Zahl der Krebsfälle durch Tschernobyl auszurechnen. Die Krebsraten der betroffenen Bevölkerung oder der Aufräumarbeiter („Liquidatoren“) sind – abgesehen von Schilddrüsenkrebs, der zum Glück meist heilbar ist – nicht deutlich messbar erhöht, zumindest nicht in einem Maß, das seriöse statistische Berechnungen der Opferzahlen erlauben würde.
„Ha! Da seht ihr mal!“ können jetzt Kernkraftfans sagen. „Keine statistisch nachweisbare erhöhte Krebsrate! Das heißt also, Tschernobyl hat gar keinen zusätzlichen Krebs erzeugt!“ Aber das ist auch wieder nicht richtig. Nur weil etwas in einer bestimmten Situation nicht statistisch nachweisbar ist, kann man es nicht für inexistent erklären. Wenn ich nächstes Jahr fünfunddreißig Leute vergifte, ist das statistisch in der nationalen Sterbestatistik auch nicht auffällig. Umgebracht habe ich sie aber trotzdem. Wenn der Lärm eines Autos von fünf Presslufthämmer übertönt wird, heißt das nicht, dass das Auto plötzlich geräuschlos fährt.
Das bedeutet: Wir wissen, dass Menschen an Langzeitfolgen von Tschernobyl gestorben sind, aber wir können nicht sagen, wie viele. Die Wissenschaft hat keine Antwort darauf. Wir können nur sagen: Dass hunderttausende oder gar Millionen Menschen gestorben sind (wie manchmal auch behauptet wurde) lässt sich mit großer Sicherheit ausschließen – denn ein derartig gewaltiger Effekt wäre statistisch nachweisbar. Aber wie groß die tatsächliche Zahl ist, kann niemand sagen. Man kann höchstens Rechenmodelle erstellen, die aber immer mit großer Unsicherheit behaftet sind. Die WHO spricht von 4000 Toten – das ist wohl die beste Einschätzung, die man heute machen kann, aber genauer werden wir es wohl niemals wissen.
Eigentlich müssen wir das aber auch gar nicht: Tschernobyl war eine der größten je von Menschen verursachten Katastrophen, mit vielen Toten, schweren Gesundheitsfolgen und langjährigen Auswirkungen. Das ist unstrittig – und das sollte als Argument eigentlich reichen.
Wie tödlich sind andere Kraftwerke?
Was heißt das nun? Wenn durch eine einzige Nuklearkatastrophe tausende Leute sterben können, ist da nicht bereits der Beweis dafür, dass diese Technologie sofort gestoppt werden muss? Nun ja, vielleicht. Aber wenn, dann müssen wir natürlich fairerweise dieselben Maßnahmen an alle Technologien anwenden. Wir dürfen nicht Kernenergie verteufeln und dann durch etwas ersetzen, das möglicherweise noch schlimmer ist.
Wie ist das mit anderen Arten, Energie zu erzeugen? Mit Kohlekraftwerken zum Beispiel? Dazu gibt es gute wissenschaftliche Studien. Allein in den USA dürften zwischen 1999 und 2020 ungefähr 460.000 Menschen gestorben sein, weil sie Feinstaub aus Kohlekraftwerken einatmen mussten. Weltweit sterben jedes Jahr hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Menschen vorzeitig durch Feinstaub-Partikel – viele dieser Todesfälle dürften auf Kohle zurückzuführen sein.
Unstrittig ist also: Durch Kohlekraftwerke sterben Jahr für Jahr – ganz ohne Unfall, im Normalbetrieb – um Größenordnungen mehr Menschen als durch eine Reaktorkatastrophe wie Tschernobyl insgesamt über Jahrzehnte sterben. Das macht die Tschernobyl-Todesfälle nicht weniger tragisch. Das bringt keine krebskranken Kinder zurück. Aber es zeigt: Kohle kann, rein aus gesundheitlicher Sicht, kein Ersatz für Kernenergie sein. Kernenergie ist übel, aber Kohle ist um Größenordnungen schlimmer. Bei aller Ungenauigkeit und bei aller Vorsicht, mit der man solche Zahlen betrachten muss – dieser Befund ist keine Behauptung der Atomlobby, sondern ein völlig unstrittiger, gut belegter, wissenschaftlich belastbarer Vergleich.
Wenn man Spaß an leicht morbiden Gedankenspielereien hat, kann man diese Überlegung noch weiter treiben: Man kann für jede Art der Stromerzeugung statistisch abschätzen, wie viele Todesfälle pro erzeugter Terawattstunde zu erwarten sind. Dabei zeigt sich: Kohle und Öl sind die größten Killer. Auch Biomasseverbrennung trägt zur Luftverschmutzung bei und tötet somit statisch gesehen Menschen – Erdgas ebenfalls, wenn auch in etwas geringerem Ausmaß. Wasserkraft bringt deutlich weniger Menschen um, kann aber auch tödlich sein, zum Beispiel wenn ein Staudamm bricht. Weit abgeschlagen am unteren Ende dieser Todes-Skala findet man dann Windenergie, Photovoltaik und Kernkraft, mit den geringsten Zahlen an Toten pro Energiemenge.
Warum erreichen auch Wind und Photovoltaik in dieser Statistik nicht einen Wert von exakt null? Weil es bei der Installation der Anlagen manchmal zu Arbeitsunfällen kommt. Menschen fallen vom Dach, wenn sie PV-Anlagen installieren. Sie fallen von der Windkraftanlage, wenn sie den Generator warten. Daher hört man manchmal die reichlich polemische Aussage: Trotz der Todesopfer von Tschernobyl ist Kernenergie statistisch gesehen sicherer als Photovoltaik – oder zumindest beinahe gleich sicher.
Das ist natürlich ein völlig unsinniger Vergleich. Beim Montieren einer Photovoltaikanlage kann man nur sterben, wenn man sich aktiv und in vollem Bewusstsein des Risikos entschlossen hat, mit dem Montieren von Photovoltaikanlagen Geld zu verdienen. Das ist mit der Situation von Menschen, in deren Nachbarschaft ein Kernreaktor explodiert, ganz sicher nicht gleichzusetzen. Auch wenn jeder Todesfall tragisch ist: Wenn jemand von einem Windrad stürzt, betrifft das nur eine Person, nicht eine ganze Region. Man muss niemanden absiedeln, kein Erdreich abtragen und keine Lebensmittel vernichten.
Trotzdem sind diese Zahlen grundsätzlich interessant: Sie zeigen uns, dass wir unsere emotionale und mediale Aufmerksamkeit falsch lenken. Nukleare Risiken spielen im kollektiven Bewusstsein seit Jahrzehnten eine große Rolle. Dass Luftverschmutzung Millionen Menschen tötet, ist uns hingegen kaum bewusst. Wenn wir entscheiden, wie wir in Zukunft unseren Strom erzeugen wollen, müssen wir solche Fakten aber mitbedenken.
Tote Sperrzonen und ewiger Müll
Aber gesundheitliche Folgewirkungen sind nicht das einzige Problem. In Tschernobyl wurden hunderttausende Menschen abgesiedelt, sie verloren für immer ihre Heimat. Tausende Quadratkilometer Land wurden zum Sperrgebiet erklärt. Auch das darf man nicht vergessen: Psychische und emotionale Schäden können genauso schlimm sein wie körperliches Leiden. Wenn eine Technologie das Risiko birgt, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, ist das alles andere als eine Kleinigkeit.
Allerdings ist auch das kein Alleinstellungsmerkmal der Kernenergie. Auch der Kohletagbau vernichtet tausende Quadratkilometer. Übrig bleibt eine ökologische Wüste, die auf absehbare Zeit nicht wieder in eine Naturlandschaft zurückverwandelt werden kann. Oft bleiben giftige Chemikalien im Grubenwasser, die Artenvielfalt vergangener Zeiten kommt nicht mehr zurück – anders als in der Sperrzone von Tschernobyl, die ironischerweise zu einem Ort herausragender Biodiversität entwickelt hat. Die Radioaktivität ist nicht so hoch, dass sie für das Tierleben akut problematisch wäre, die Abwesenheit von Menschen macht die Gegend zu einem Refugium für Pflanzen- und Tierarten, die es anderswo schwer haben.
Ein weiteres schweres Problem der Kernenergie ist der radioaktive Müll, der für Jahrtausende gefährlich bleibt. Zwar gäbe es die Möglichkeit, modernere Kernreaktoren zu bauen, deren Abfälle nur wenige hundert Jahre problematisch bleiben, man könnte auch Anlagen bauen, die Atommüll durch Neutronenbeschuss in weniger langlebiges Material umwandeln und dabei sogar noch Energie gewinnen – ein Atommüll-Kraftwerk gewissermaßen – aber solche Anlagen haben wir derzeit nicht, und unsere heutigen Reaktoren erzeugen Jahr für Jahr Materialien, die an sicheren Orten verwahrt werden müssen.
Für viele Menschen ist das ein Totschlagargument gegen Kernenergie: Man darf keine Probleme verursachen, für die man keine Lösung kennt. Man darf künftigen Generationen nicht einfach ein Ärgernis hinterlassen, das potenziell viele Jahrtausende lang tödlich bleibt. Das ist zweifellos ein starkes Argument, das man nicht von der Hand weisen kann.
Aber auch hier müssen wir ehrlich sein: Radioaktiver Abfall ist bei Weitem nicht die einzige Kategorie von Müll, die jahrtausendelang problematisch ist. Schwermetalle wie Quecksilber bleiben für immer giftig. Sie haben keine Halbwertszeit, sie werden auch in hunderttausenden Jahren nicht ungefährlich sein, sie bleiben für immer da, solange es unseren Planeten gibt. Dasselbe gilt für Verbrennungsrückstände aus Kohlekraftwerken, die Arsen, Quecksilber oder Cadmium enthalten. Oder mit Abfällen aus dem Bergbau. Giftmüll ist um nichts weniger problematisch als radioaktiver Müll – nur wird dieses Thema weniger diskutiert.
„Das ist doch whataboutism!“ könnte man nun sagen. „Die Nachteile von Kernenergie werden ja nicht weniger schlimm, nur weil andere Dinge auch schlimme Nachteile haben!“ Und das ist nicht falsch – aber auch nicht ganz richtig. Selbstverständlich bleibt Kernenergie etwas Übles, ganz unabhängig davon, ob auch andere Technologie üble Nachteile haben. Aber wenn wir gegen Kernenergie sind, müssen wir ehrlich sagen, was wir stattdessen haben wollen. Und da zeigt sich: Wenn wir Kernenergie durch Kohle ersetzen, oder wenn wir Kohleverbrennung länger als irgendwie nötig dulden, um Kernkraftwerke schneller abschalten zu können, dann beseitigen wir ein Problem, indem wir ein noch größeres Problem verstärken.
Praktisch alle Schrecklichkeiten, die man der Kernenergie völlig zu Recht anlastet – tote Menschen, kranke Kinder, evakuierte Schutzzonen, Giftfässer, die gelagert werden müssen – werden durch Kohleverbrennung in ähnlichem oder sogar noch größeren Ausmaß verursacht. Kohle darf nie ein Ersatz für Kernkraft sein. Insofern muss man sagen: Die Entscheidung Deutschlands, zuerst aus der Kernenergie und dann erst aus der Kohleenergie auszusteigen, war verkehrt. Die andere Reihenfolge wäre die richtige gewesen.
Die frohe Botschaft: Sonne und Wind!
Die gute Nachricht ist: Wir müssen uns nicht zwischen fossilen Brennstoffen und Kernenergie entscheiden, wir können beides auf der Müllhalde schlechter Ideen entsorgen. Wir haben nämlich heute deutlich bessere Optionen: Photovoltaik, Windenergie, Geothermie und – wo es ökologisch sinnvoll ist – Wasserkraft.
Und diese Technologien entwickeln sich rasant: 2025 ging weltweit die Produktion von Strom aus Kohle und Gas zurück – und das nicht wegen einer gewaltigen Wirtschaftskrise, sondern bei insgesamt steigendem Bedarf, einfach wegen des Ausbaus von Alternativenergie.
Das gelang nicht, weil es politisch korrekt ist, oder weil sich irgendwelche Leute als moralisch überlegene Klimaretter inszenieren möchten, sondern einfach weil Alternativenergie die wirtschaftlich attraktivste Variante ist. China und Indien, die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde, haben die Trendwende geschafft: Ihr fossiler Stromverbrauch geht zurück, die Produktion aus PV und Wind bricht Rekorde.
Das passt natürlich nicht zum verbreiteten europäischen Klischeebild: Wir halten uns gerne für die Umweltschutz-Vorreiter des Planeten. „Wir machen doch ohnehin schon so viel! Und dann wollen irgendwelche Klimakleber noch radikalere Einschränkungen, damit wir für Strom möglichst viel zahlen müssen! Und fürs Klima bringt das doch gar nichts, denn zur selben Zeit baut China Monat für Monat neue Kohlekraftwerke!“
Nichts daran ist wahr. Nein, wir sind nicht die treibende Kraft der Energiewende. Im Gegenteil: Wir sind irrational konservativ. Staaten, die sehr genau aufs Geld schauen müssen, entscheiden sich heute für PV und Wind, weil es einfach kostengünstiger ist, nicht aus ökonomischem Masochismus. Dass China nach wie vor Kohlekraftwerke baut, ist wahr. Das heißt aber nicht, dass China mehr Kohle verbrennt, sondern nur, dass China Kohle an Orten verbrennen will, wo bisher noch kein Kraftwerk stand. Insgesamt geht die Stromproduktion aus fossilen Brennstoffen in China trotzdem zurück.
Eine historische Schwelle
In den letzten Jahren wurde eine ökonomische Schwelle überschritten, die in ihrer historischen Bedeutung kaum groß genug eingeschätzt werden kann: Photovoltaik wurde zur billigsten Methode, Strom zu erzeugen. Das ist eine Revolution. Die Preise, die man heute für PV-Anlagen zahlt, wären vor zehn oder zwanzig Jahren noch völlig unvorstellbar gewesen. Und das ändert alles: Es ist der Grund, warum PV weltweit gesehen seit einigen Jahren ungefähr exponentiell wächst. Es ermöglicht, großzügig mehr PV zu installieren, als man eigentlich brauchen würde, um in Spitzenzeiten Überproduktion zu erzielen und Energie für schlechtere Phasen einzuspeichern.
Damit sind wir bei der zweiten ökonomischen Revolution – sie hat gerade erst begonnen: Die Preise für Batteriespeicher fallen ähnlich rasant, wie die Preise für PV-Anlagen gefallen sind. Und daraus ergeben sich wirtschaftliche Synergien: Große Speicher machen PV-Anlagen attraktiver, große PV-Anlagen machen Speicher attraktiver. Zusätzlich wird an Wasserstoff-Technologie geforscht, und an vielen anderen Methoden der Energiespeicherung.
Natürlich gibt es auch bei der Alternativenergie noch ungelöste Probleme: Ja, wir müssen die Netze ausbauen. Ja, wir brauchen noch dramatisch mehr Speicher als heute. Ja, wir müssen noch besser herausfinden, wie sich PV-Anlagen und Windkraftanlagen vollständig recyceln lassen. Aber all das müssen wir ohnehin tun, auch wenn wir mittelfristig einen Teil unserer Energie aus Kernkraft beziehen.
Unlösbare Probleme der Kernenergie
Und an all diesen Problemen wird gearbeitet – während wichtige Probleme der Kernkraft prinzipiell unlösbar sind: Kernkraft wird niemals nachhaltig sein. Sie zerstört ganz grundsätzlich, per Design, bestimmte Atomsorten, die man nachher nicht mehr hat. Ja, wenn das Uran aufgebraucht ist, kann man Thorium verwenden. Oder Uran aus dem Meerwasser filtern. Nachhaltig ist das trotzdem nicht. Kernenergie kann rein physikalisch niemals Teil eines Kreislaufsystems sein.
Auch politische Risiken darf man nicht vergessen: Kernenergie kann Deckmantel für Anreicherungsprogramme sein, die zur Produktion von Kernwaffen führen. Kernenergie kann Staaten abhängig von einzelnen großen Firmen machen, oder von anderen Staaten. Solche Situationen haben schon oft genug zu Erpressung, Korruption und gewalttätigen Konflikten geführt.
Dazu kommt noch ein anderes Detail: Kernenergie heizt die Erde auf – auch ohne CO2. Kernzerfallsprozesse wandeln Kernenergie in Wärmeenergie um, dadurch wird die Erde wärmer. Dieser Effekt ist heute noch vernachlässigbar. Aber würde unser Energieverbrauch weiter steigen und irgendwann nur durch Kernreaktionen gedeckt werden, dann hätten wir ein ernstes Problem: Kernkraft ist eine Erd-Heizung, auch ohne CO2 und Treibhauseffekt. Wenn wir hingegen Sonne und Wind nutzen, geschieht das nicht. Zwar wird auch Solarstrom irgendwann in Wärme umgewandelt – etwa in meiner Kaffeemaschine – aber dabei wird nur jene Wärme freigesetzt, die ohnehin von der Sonne zur Erde geschickt worden wäre. Der Sonnenstrahl, der sonst einen Stein erhitzt hätte, hat in einer PV-Anlage Strom erzeugt, der dann zur Hitze meines Kaffees wurde. Das führt insgesamt also nicht zu einem Wärmezuwachs.
Oft werden Kernkraftwerke als „Grundlast-Lieferanten“ dargestellt, die uns die nötige Energiesicherheit geben, wenn Photovoltaik und Windenergie mal mehr, mal weniger Energie liefern. Aber das Gegenteil ist der Fall: Kernkraftwerke sind nicht die nötige Ergänzung zur fluktuierenden Alternativenergie, sie lässt sich sogar ziemlich schlecht mit Alternativenergie koppeln. Kernkraftwerke sind dann wirtschaftlich, wenn sie über lange Zeit relativ gleichmäßig laufen. Man kann sie nicht auf einer Zeitskala von Stunden oder Minuten nach Belieben hoch- und wieder herunterfahren. Mit Gaskraftwerken geht das, Kernkraftwerke sind dafür die falsche Technologie. Die Zukunft braucht flexible Stromerzeugung – Kernkraft ist aber groß und behäbig.
Zwar wird gerne über die Idee von kleinen modularen Mini-Reaktoren spekuliert, aber solche Reaktoren gibt es derzeit nicht. Kernenergie ist zumindest in absehbarer Zukunft eine Technik, die auf Großprojekten beruht, die nur auf einer Skala von Jahrzehnten umgesetzt werden können. Schon die Suche nach passenden Standorten dauert Jahre. Der Bau dauert noch länger. Auch wenn wir morgen beschließen, Kernenergie auszubauen – bis neue Reaktoren dann tatsächlich Energie in Netz einspeisen, sind Jahrzehnte vergangen.
Das ist zu langsam. Diese Zeit haben wir nicht. Die Energiewende muss jetzt kommen. Außerdem muss man bei Kernenergie-Projekten Milliardensummen vorstrecken, die dann allenfalls nach Jahrzehnten wieder hereinkommen. Welche Investoren würden ein solches Risiko auf sich nehmen – in einer Zeit, in der Alternativenergie rasant wächst und überhaupt nicht klar ist, zum welchem Preis der Strom dann in Zukunft überhaupt verkauft werden kann? Und da haben wir noch nicht einmal darüber nachgedacht, ob sich Kernkraftwerke für den Fall einer Katastrophe versichern lassen.
Ist es potenziell Teil einer nachhaltigen Zukunft?
Entscheidend ist auch hier wieder einmal die goldene Regel der Technologiekritik: Man soll niemals gegen etwas sein, weil es Nachteile hat. Denn alles hat Nachteile. Man soll nur etwas ablehnen, weil es eine bessere Alternative gibt. Die Frage ist nicht: Löst eine bestimmte Technologie ab heute alle Probleme? Die Frage ist auch nicht: Haben wir eine Technologie, die keinerlei schädliche Auswirkungen auf die Umwelt hat? Die Frage ist: Welche Technologie kann langfristig potenziell Teil eines nachhaltigen Gesamtsystems sein? Und nach allem, was wir heute wissen, ist die Kombination aus Sonne und Wind – ergänzt durch Geothermie, Wasserkraft und viel Speichertechnologie – das Konzept der Zukunft.
Kernenergie ist physikalisch hochinteressant. Sie kann viel klüger und ungefährlicher umgesetzt werden als man das früher gemacht hat. Vielleicht wird es auch in Zukunft Nischenanwendungen für Kernenergie geben. Aber Kernenergie ist nicht unser Weg aus der Energiekrise. Sie ist nicht die Lösung, sie ist ökonomisch nicht sinnvoll, sie ist zu langsam und zu behäbig. Kernenergie ist und bleibt die Zukunft von vorgestern.