Nicht genügend, Frau Professor

Eine Analyse des Interviews mit Claudia von Werlhof
im STANDARD vom 12. 02. 2010


Dass irrationales Denken und politische Ideologie oft Hand in Hand gehen, ist nichts Neues. Um weltanschauliche Überzeugungen zu untermauern werden gerne mal wissenschaftlich unhaltbare Aussagen herbeigezerrt. Der Antisemit Ryke Geerd Hamer mit seiner radikalesoterischen "neuen germanischen Medizin" etwa ist ein besonders ekelerregendes Beispiel dafür, in etwas harmloserer Form kennt man das auch von den haarsträubenden Gedanken des Pfarrers Gerhard Maria Wagner über Naturkatastrophen, die in Wahrheit als Strafe Gottes für unartige Nichtkatholiken gedeutet werden müssen.

Traurigerweise tauchen genau dieselben antiwissenschaftlichen Logikverbiegungen auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums auf. Die kapitalismuskritische Ökofeministin Claudia von Werlhof, Professorin für Frauenforschung an der Universität Inssbruck, überraschte die Leser des Standard am 12. 02. 2010 mit einem Interview, in dem sie sich von bedauernswerter Technikfeindlichkeit ins abstrusetste Verschwörungstheoretikertum hineinmanövriert.

Im Kapitalismus sieht von Werlhof ein "Weltzerstörungsprojekt", das "im 17. und 18. Jahrhundert mit dem Entstehen der modernen Naturwissenschaft" entstand, und heute auch "in Form von Naturkatastrophen aller Art in Erscheinung" tritt. Die Wurzeln dieses Problems reichen aber nach von Werlhofs Ansicht viel tiefer zurück, und zwar bis zur "Entstehung des Patriarchats vor 5000 bis 7000 Jahren." Von Werlhof diagnostiziert: "Damals hat sich die Idee einer ‚Schöpfung aus Zerstörung' durchgesetzt. Im Gegensatz zum realen Lauf der Dinge, wo weibliche Gestalten Ursprung des Lebens sind, haben die Männer begonnen, sich als Schöpfer des Lebens, des Reichtums, des Wohlstands zu definieren."

Solche Aussagen treiben mir kalte Schweißperlen auf die Stirn, aber es kommt noch bunter: Zu einer seltsamen Auslegung von Feminismus und Kapitalismuskritik gesellt sich eine esoterisch-antiamerikanische Totalentgleisung: Von Wellenhof erklärt, das Erdbeben in Haiti könnte künstlich von den USA aus erzeugt worden sein: "Im Projekt HAARP, einem Militärforschungszentrum in Alaska, wurden auf Grundlage der Tesla-Technologie […] Earthquake Machines hergestellt, die künstliche Erdbeben hervorrufen. Sie werden benutzt, um Erdölreserven aufzuspüren. Zwischen Haiti und Kuba soll es große Ölreserven geben, also könnte das Erdbeben in Haiti maschinell erzeugt worden sein, um die militärische Besetzung des Landes durch US-Truppen zu ermöglichen." Auf das ungläubige Nachfragen der Standard-Journalistin Irene Brickner hin versichert von Werlhof: "Fakt ist, dass es die Technologie für künstliche Erdbeben gibt. Und von meiner Theorie her entspricht das genau der These von der patriarchalen Schöpfung aus Zerstörung."

Wir atmen tief durch und sehen uns die Fakten an: HAARP gibt es wirklich. Es ist eine Kurzwellensendeanlage in Alaska, die sowohl der zivilen als auch der militärischen Forschung dient. Dass Militärs mit Sendeanlagen experimentieren und sich Gedanken über Langstreckenkommunikation machen ist ja nicht weiter verwunderlich. Erstaunlich sind aber die Verschwörungstheorien, die in Verbindung mit dem HAARP-Programm entstanden sind. So wurde schon vor längerer Zeit behauptet, HAARP sei dafür gebaut worden, Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen hervorzurufen, außerdem könne die Sendeanlage sogar das Bewusstsein ganzer Völker gezielt manipulieren und durch elektromagnetische Wellen die Gedanken der Menschen beeinflussen.

Selbstverständlich sind solche Effekte physikalisch vollkommen unmöglich und wurden niemals nachgewiesen. Das hindert aber von Werlhof, eine Professorin an einer österreichischen Universität, nicht daran, tatsächlich daran zu glauben, dass es erstens technisch möglich ist, durch Funkwellen Erdbeben zu erzeugen, und dass zweitens die US-Regierung so verbrecherisch ist, per Knopfdruck 200.000 Menschen in Haiti umzubringen. Eine solche Aussage ist um nichts weniger menschenverachtend als die abstruse Theorie des Pfarrers Gerhard Wagner, der das Erdbeben mit dem Vodoo-Glauben der Haitianer in Verbindung brachte.

Auf welche revolutionär neue Weise elektromagnetische Wellen mit Erdbeben zu tun haben könnten, erklärt sie leider nicht. Man kann sich aber, um die Absurdität dieser Vorstellung zu verdeutlichen, ein paar Zahlen ansehen: Die HAARP-Sendeanlage in Alaska hat eine Sendeleistung von knapp einem Megawatt (eine Million Joule pro Sekunde). Das klingt nach einer großen Zahl, ist aber weniger beeindruckend, wenn man bedenkt, dass es sich dabei etwa um die Leistung von einigen hundert Haarföns oder Staubsaugern handelt. Bei einem großen Erdbeben wird eine seismische Energie in der Größenordnung von mehr als 10^16 Joule frei, in Haiti sogar über 10^17 Joule (der Wert lässt sich indirekt mithilfe der Richterskala ablesen). Um diese Energie zu erreichen müsste tagelang die gesamte in den USA erzeugte Elektrizität aufgewendet werden (sollte das nicht jemandem auffallen?). Ganz einfach lässt sich ausrechnen, wie lange ein 1 MW Sender wie HAARP senden müsste, um eine erdbebentaugliche Energiemenge von 10^17 Joule abzustrahlen: Es sind etwa 3170 Jahre. (Und selbst das nur bei einem völlig unrealistischen Wirkungsgrad von 100%.) Selbst wenn also jemand eine geheimnisvolle Methode gefunden hätte, Strahlung in Erdbeben umzuwandeln - entweder braucht er verdammt viel Geduld, oder muss eine ganze Großstadt aus Kraftwerken errichten, sonst kann sich das nicht ausgehen.

Traurig ist, dass von Werlhof nicht nur sich selbst mit solchen Aussagen lächerlich macht, sondern auch ihrer Forschung, ihrem Fachgebiet und indirekt einer ganzen politischen Richtung Schaden zufügt. Ich wurde lange nach 68 geboren, aber ich fühle tiefen Respekt und ehrliche Dankbarkeit gegenüber der 68er-Generation, weil sie vieles erkämpft hat, was mir heute wichtig und wertvoll ist. Ich bin ein Mann, aber ich fühle tiefen Respekt vor der feministischen Bewegung, weil ich auch als Mann in einer Gesellschaft leben möchte, in der Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Ich bin kein Sozialhilfeempfänger, aber ich bin der tiefen Überzeugung, dass sozialer Ausgleich notwendig ist und die Härten des Arbeitsmarktes solidarisch abgefedert werden müssen, damit die Gesellschaft funktionieren kann. Ich kann mich absolut mit einigen der Ziele und Ideen identifizieren, die sich auch von Werlhof umhängt - doch sie übersteigert sie dann ins Abstruse. Und genau deshalb fühle ich mich durch von Werlhofs Entgleisungen angegriffen.

Die Wissenschaft ist kein Zerstörungsprojekt, sie hat unser Leben verbessert. Wer sich nach alten Zeiten zurücksehnt, in denen der Mensch angeblich noch technologisch unverseucht im Einklang mit der Natur gelebt hat, verklärt eine Epoche, in der Menschen ohne Zugang zu Wissen und kulturellem Austausch leben mussten, Frauen und Kinder geschlagen wurden und Krankheiten, die heute leicht kurierbar sind, ein Todesurteil bedeuteten.

Die Wissenschaft ist ideologiefrei, sie ist weder männlich noch patriarchalisch. Es ist wahr, dass in der Vergangenheit eher Männer als Frauen Zugang zur Wissenschaft hatten und in manchen Naturwissenschaften auch heute noch ein trauriges Missverhältnis besteht. Wer aber durch solche Aussagen die männliche Assoziation von Naturwissenschaft weiter prägt, verhindert, dass sich das ändert. Einige der brillantesten Talente, die ich in den Naturwissenschaften je kennenlernen durfte, sind Frauen. Von Werlhofs Gleichsetzung von "Naturwissenschaft" mit "männlich" ist eine Beleidigung all dieser Frauen in den Naturwissenschaften. "Männlich" mit "zerstörereisch" zu verknüpfen, wie von Werlhof das tut, ist eine dummdreiste Beleidigung aller Männer.

Die Wissenschaft ist nicht bösartig kapitalistisch. Wie man unser Wirtschafts- und Sozialsystem ändern könnte um eine gerechtere Gesellschaft zu errichten, muss immer wieder neu überlegt werden. In dieser Diskussion aber die Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften einfach als böse abzustempeln, ist gefährlicher Unfug. So wie Technologie ideologiefrei ist und erst ihre Produkte zu ideologischen Zwecken benutzt werden können, sind auch die Grundsätze der Wirtschaftswissenschaften ideologiefrei. Welche ideologischen Schlüsse daraus gezogen werden müssen, lässt sich diskutieren. Aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive heraus einen ganzen Zweig der Sozialwissenschaften zum "Weltzerstörungsprojekt" zu stempeln, ist aber ein tragischer Fehler. Theorien, Formeln und Gleichungen der Ökonomen widerlegt man nicht mit kämpferischen Schimpfparolen sondern allenfalls mit logischen Gegenargumenten.

Unsere Welt ist nicht perfekt. Genau deshalb brauchen wir immer wieder auch kämpferische Außenseiter mit schrägen Ideen. Wer sich aber in seinen Argumentationen so weit in einem Gebüsch aus Verschwörungstheorien und Propagandaparolen verirrt, dass der Weg zurück zur rationalen Argumentation gar nicht mehr sichtbar ist, schadet nicht nur der Wissenschaft, sondern auch den eigenen Idealen, so anständig und edel sie eines Tages auch gewesen sein mögen.


Hier gehts zum Interview mit von Werlhof im STANDARD
Mehr dazu auch in Ulrich Bergers Blog und in Florian Freistetters Blog .