Diese Rede hielt ich anlässlich der Sponsionsfeier der Fakultäten für Physik, Chemie und Mathematik am 14. April 2005.
Nachdem ich aufgefordert wurde, diese Rede hier ins Netz zu hängen, mache ich das natürlich gerne, auch wenn diese Rede schon etwas älter ist.
Spektabiles, sehr geehrte Professoren, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren!
Wenn man als junger Student im ersten Semester gefragt wird, für welche Weiterbildungsrichtung man sich entschieden habe, und man mit hellstrahlendem Enthusiasmus in den Augen verkündet: Ich studiere an der Technischen Universität!, dann sind die Reaktionen darauf manchmal recht eigenartig.
Mir wurde einmal geantwortet - mit tief empfundenem Mitleid in der Stimme - Physik? Naja, auch das muss halt jemand machen ... , ein anderes mal erklärte eine Freundin von mir: Ich dachte doch immer, du würdest einmal etwas Schönes studieren! - Irgendwie scheint das Bild der technischen Naturwissenschaften in der Öffentlichkeit nicht ganz in allerbester Ordnung zu sein.
Ein Naturwissenschafter - das ist doch einer, der in eigenartig hieroglyphischen Symbolen rechnet, hinter meterdicken Bücherschichten, kaum jemals vom Tageslicht hervorgescheucht, der seine Theorien in mindestens elf Dimensionen herumrotiert, dass die Quanten nur so rauschen.
Ein Naturwissenschafter, das ist doch einer, der ein ganzes Gebüsch an Kabeln und Klemmen installiert, manche davon in seltsam surrende Spektroskope steckt, damit drüben dort am Bildschirm ein kleiner grüner Punkt auf die ihm vorgeschriebene Weise von links nach rechts wandert, und wieder zurück.
Ein Naturwissenschafter, das ist doch einer, der - vorzugsweise mit ungezähmt wirrer Frisur - im Labor zwischen hundertachtundvierzig phantasievoll geformten Gläschen steht und eine farbenfrohe Flüssigkeit in die andere leert, bis irgendetwas explodiert oder sich zumindest bunt verfärbt. Alles kluge Leute! Sicher. Aber kann denn das etwas Schönes sein? Kann denn das Spaß machen? Haben die Eltern nicht doch irgendetwas falsch gemacht, wenn er Technik studiert, der Bub? - Oder gar die Tochter (Noch schlimmer.)?
Nein! Natürlich ist das nicht so. Wir sind nicht aus Masochismus hier. Wir haben unsere Studienrichtungen nicht ausgewählt, weil sie schwierig sind, nicht weil wir irgendwelchen Klischees geisteswirrer Wissenschafter nahekommen wollen, wir sind hier, weil es Spaß macht. Weil es gut ist zu wissen, weil es schön ist zu erkennen, weil es Freude macht zu verstehen.
Das wird oft nicht gesehen. Dieses Unverständnis dem Freudestrahlenden in den Naturwissenschaften gegenüber ist wohl der Grund für eine eigenartige Geringschätzung der Wissenschaften, die wir jeden Tag fühlen können. Aus irgendeiner unergründlichen Ursache zählt man Naturwissenschaften nicht wirklich zur notwendigen Allgemeinbildung.
Kein Mensch wird in der Öffentlichkeit verkünden, er sei sprachlich immer recht schwach gewesen und könne sich selbst in seiner Muttersprache kaum ausdrücken, das wäre peinlich.
Kein Mensch wird sagen, musikalische Bildung sei vollkommen unnötig, man könne Mozart und Schubert aus den Lehrplänen unserer Schulen reißen ohne bleibende Wunden zu hinterlassen, das wäre lächerlich.
Jeder aber kann unbeschwert grinsend darauf hinweisen, er habe sich für Naturwissenschaften nie interessiert, habe keine Ahnung von Mathematik und traue sich ohne Untertützung seines Steuerberaters nicht zu, fünfstellige Zahlen zu addieren - das ist lustig, das ist irgendwie charmant, das ist kein Grund nicht als intelligent zu gelten.
Wer Sokrates, Plato und Epikur für Fußballspieler hält, gilt als ungebildet - und das ja wohl zu recht. Wer nicht so ganz sicher ist, wieviele Planeten unser Sonnensystem hat, woraus ein Wassermolekül besteht, wie groß die Winkelsumme in einem flachen Dreieck nun wirklich ist, kann das selbstbewusst lächelnd als liebenswerte Eigenheit durchgehen lassen.
Eigentlich ist das schade. Naturwissenschaften sind nicht einfach nur etwas, das "eben auch von jemandem erledigt werden muss", sie sind ein zentraler Teil der Bildung, sie sind Bestandteil unserer Kulturgeschichte, sie sind schön.
Es ist wohl unsere Aufgabe als Naturwissenschafter, die Bedeutung, den Nutzen und auch die Schönheit unserer Fächer anderen Menschen offensichtlich zu machen.
Eine Formel, ein neues Erklärungsmodell, eine gute Idee kann auf die selbe Weise schön sein wie ein Bild oder ein Musikstück. Wir alle wären heute nicht hier, wenn wir diese Freude am Denken und Problemlösen nicht spüren würden. Natürlich gibt es in den Jahren des Studiums auch trübere Tage, knochenschwere Arbeit, dunkelbitteren Frust, aber wir alle hier hatten auch sehr viel Spaß, wir haben viel gelernt, haben viel erlebt - manches, das wir lieber vermieden hätten, vieles, wofür wir dankbar sind.
Und so bedanken wir uns nun bei allen, durch die wir heute hier sind. Wir danken den Professoren, die unsere Freude an den Wissenschaften entfacht und gefördert haben. Ein guter Lehrer ist einer, dessen flammende Begeisterung für sein Fach Funken schlägt und auch die Gehirne seiner Schüler zum leuchten bringt - es ist schön zu sehen, dass es an dieser Universität viele gute Lehrer gibt.
Wir danken unseren Eltern, unseren Verwandten, die vielen von uns das Studium finanziell erst ermöglicht haben.
Wir danken allen Verwandten und Freunden, die uns an mühevolleren Tagen aufrichten und sich an guten Tagen mit uns freuen.
["Gaudeamus igitur" - das haben wir heute schon gehört:] Freuen wir uns! Darum geht es heute. Wir freuen uns, unser Studium abgeschlossen zu haben und danken allen, die hier heute bei uns sind um sich mit uns zu freuen, denn was nützt der schönste Erfolg, wenn man niemanden hat, mit dem man ihn feiern kann.
Vielen Dank!