Die Fußballweltmeisterschaft
ist über uns hereingebrochen, aber zum Glück sind wir Österreicher nicht
qualifiziert. Das bedeutet, dass österreichische Fußballfans über alle
Mannschaften hemmungslos schimpfen dürfen, ohne sich für die noch
schlechteren Leistungen des eigenen Teams schämen zu müssen.
Dass die Mehrheit der
Österreicher Brasilien die Daumen drückt, verstehe ich nicht ganz -
schließlich gibt es ja nichts Langweiligeres als einen Sieg des Favoriten,
der schon das letzte Mal gewonnen hat. Noch viel seltsamer aber ist es, zu
beobachten, wem in Österreich der Sieg eindeutig nicht gegönnt
wird: Unseren deutschen Nachbarn nämlich. Gleich hinter dem eigenen Sieg
kommt in der Werteskala des österreichischen Fußballfans die
Niederlage der Deutschen.
Wenn man fragt, warum die
deutschen Fußballspieler denn so radikal abzulehnen seien, heißt es, sie würden
unattraktiv spielen, unästhetisch, nur mit teutscher Tüchtigkeit Tore
treffen, ohne Spielwitz und Kreativität. Dass das mit der Wirklichkeit
objektiv nichts zu tun hat, spielt eigentlich gar keine Rolle, denn die
Ablehnung der Deutschen hat viel tiefere Wurzeln und beschränkt sich nicht
nur auf das Fußballspielen. Nicht nur die gemeinsame Sprache, auch eine
wechselhafte gemeinsame Geschichte, von Königgrätz bis Cordoba, trennt uns
voneinander. Und weil sie uns 1938 überfallen haben und uns zwangen, den
zweiten Weltkrieg zu verlieren, bekommen sie heute keine Punkte von uns
beim Songcontest.
Sehr vielen Österreichern ist
mittlerweile vollkommen klar, dass Verallgemeinerungen, stereotype
Assoziationen nach Volks- oder Religionszugehörigkeit falsch und
inakzeptabel sind. Wer heute offen behauptet, dass Italiener gesellig
aber faul, dass Juden geschäftstüchtig aber geizig seien, dass Schwarze
gut trommeln und tanzen, aber weniger gut lesen und schreiben können,
erntet empörtes Entsetzen. Andererseits aber hält man es für
völlig in Ordnung, Deutsche als tüchtig und fleißig, aber humorlos und
ungemütlich darzustellen, und ihnen aus tiefster Seele
alles erdenkliche Unglück bei sportlichen Wettkämpfen zu wünschen. Der
Standard veröffentlicht ganz ungeniert einen Artikel, in dem sich ein
bekannter Journalist über die Namen der Deutschen Fußballspieler lustig
macht (Schweinsteiger! Was für ein Spaß!), und Verbindungen zu
ihrem angeblich so hässlichen Spielstil zieht.
Österreichs lächerlicher
kleiner-Bruder-großer-Bruder-Komplex gegenüber Deutschland ist einfach
peinlich. Eine wesentliche Ursache dieser kollektiven Geisteswirrnis ist
natürlich unsere nationalsozialistische Vergangenheit. Durch Ablehnung der
Deutschen versucht man, sich als Österreicher möglichst weit von
Deutschland abzutrennen, um auch diese tiefdunkle Periode der Geschichte
weit wegschieben zu können. Wenn man ständig signalisiert, nicht Deutscher
zu sein, dann muss man vielleicht auch nicht an die Verbrechen Österreichs
denken, die begangen wurden, als sich Österreich als Teil Deutschlands sah.
Dieses Verhalten ist nicht nur kindisch, sondern eigentlich ziemlich
bedenklich.
In Wirklichkeit ist
Deutschland eindeutig das Nachbarland, mit dem wir am meisten gemeinsam
haben. Wir lesen dieselben Bücher, wir sehen dieselben Fernsehshows, wir
in Österreich wissen über deutsche Innenpolitik viel besser bescheid als
über italienische, tschechische oder ungarische. Dazu darf man stehen,
nichts daran ist schlecht. Das ist kein Grund, mit jedem Deutschen
plötzlich eng befreundet zu sein, aber es ist auch kein Grund, sich von
Deutschen auf irgendeine seltsame Weise abzugrenzen. Pauschale Ablehnung
ist immer falsch, egal ob sie sich gegen Roma, Türken, Amerikaner oder
Deutsche richtet.
Ich habe das Spiel Deutschland
gegen Schweden gesehen. Es war eigentlich recht unterhaltsam, selbst für
einen Fußballlaien wie mich. Ich sehe dem deutschen Team gerne zu, und
wenn sie gegen Argentinien auch Unterhaltsames zeigen und gewinnen, werde
ich mich für sie freuen.