Piefke raus?

25.06.2006

Die Fußballweltmeisterschaft ist über uns hereingebrochen, aber zum Glück sind wir Österreicher nicht qualifiziert. Das bedeutet, dass österreichische Fußballfans über alle Mannschaften hemmungslos schimpfen dürfen, ohne sich für die noch schlechteren Leistungen des eigenen Teams schämen zu müssen.

Dass die Mehrheit der Österreicher Brasilien die Daumen drückt, verstehe ich nicht ganz - schließlich gibt es ja nichts Langweiligeres als einen Sieg des Favoriten, der schon das letzte Mal gewonnen hat. Noch viel seltsamer aber ist es, zu beobachten, wem in Österreich der Sieg eindeutig nicht gegönnt wird: Unseren deutschen Nachbarn nämlich. Gleich hinter dem eigenen Sieg kommt in der Werteskala des österreichischen Fußballfans die Niederlage der Deutschen.

Wenn man fragt, warum die deutschen Fußballspieler denn so radikal abzulehnen seien, heißt es, sie würden unattraktiv spielen, unästhetisch, nur mit teutscher Tüchtigkeit Tore treffen, ohne Spielwitz und Kreativität. Dass das mit der Wirklichkeit objektiv nichts zu tun hat, spielt eigentlich gar keine Rolle, denn die Ablehnung der Deutschen hat viel tiefere Wurzeln und beschränkt sich nicht nur auf das Fußballspielen. Nicht nur die gemeinsame Sprache, auch eine wechselhafte gemeinsame Geschichte, von Königgrätz bis Cordoba, trennt uns voneinander. Und weil sie uns 1938 überfallen haben und uns zwangen, den zweiten Weltkrieg zu verlieren, bekommen sie heute keine Punkte von uns beim Songcontest.

Sehr vielen Österreichern ist mittlerweile vollkommen klar, dass Verallgemeinerungen, stereotype Assoziationen nach Volks- oder Religionszugehörigkeit falsch und inakzeptabel sind. Wer heute offen behauptet, dass Italiener gesellig aber faul, dass Juden geschäftstüchtig aber geizig seien, dass Schwarze gut trommeln und tanzen, aber weniger gut lesen und schreiben können, erntet empörtes Entsetzen. Andererseits aber hält man es für völlig in Ordnung, Deutsche als tüchtig und fleißig, aber humorlos und ungemütlich darzustellen, und ihnen aus tiefster Seele alles erdenkliche Unglück bei sportlichen Wettkämpfen zu wünschen. Der Standard veröffentlicht ganz ungeniert einen Artikel, in dem sich ein bekannter Journalist über die Namen der Deutschen Fußballspieler lustig macht (Schweinsteiger! Was für ein Spaß!), und Verbindungen zu ihrem angeblich so hässlichen Spielstil zieht.

Österreichs lächerlicher kleiner-Bruder-großer-Bruder-Komplex gegenüber Deutschland ist einfach peinlich. Eine wesentliche Ursache dieser kollektiven Geisteswirrnis ist natürlich unsere nationalsozialistische Vergangenheit. Durch Ablehnung der Deutschen versucht man, sich als Österreicher möglichst weit von Deutschland abzutrennen, um auch diese tiefdunkle Periode der Geschichte weit wegschieben zu können. Wenn man ständig signalisiert, nicht Deutscher zu sein, dann muss man vielleicht auch nicht an die Verbrechen Österreichs denken, die begangen wurden, als sich Österreich als Teil Deutschlands sah. Dieses Verhalten ist nicht nur kindisch, sondern eigentlich ziemlich bedenklich.

In Wirklichkeit ist Deutschland eindeutig das Nachbarland, mit dem wir am meisten gemeinsam haben. Wir lesen dieselben Bücher, wir sehen dieselben Fernsehshows, wir in Österreich wissen über deutsche Innenpolitik viel besser bescheid als über italienische, tschechische oder ungarische. Dazu darf man stehen, nichts daran ist schlecht. Das ist kein Grund, mit jedem Deutschen plötzlich eng befreundet zu sein, aber es ist auch kein Grund, sich von Deutschen auf irgendeine seltsame Weise abzugrenzen. Pauschale Ablehnung ist immer falsch, egal ob sie sich gegen Roma, Türken, Amerikaner oder Deutsche richtet.
Ich habe das Spiel Deutschland gegen Schweden gesehen. Es war eigentlich recht unterhaltsam, selbst für einen Fußballlaien wie mich. Ich sehe dem deutschen Team gerne zu, und wenn sie gegen Argentinien auch Unterhaltsames zeigen und gewinnen, werde ich mich für sie freuen.