Europatag

09.05.2006

Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman die Schaffung einer europäischen Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl vor. Genau fünf Jahre nach dem Ende des grauenvollsten Regimes, das Europa jemals gesehen hat, wurde so der erste Schritt auf dem Weg zur Europäischen Union gemacht. Im Jahr 1985 wurde daher der 9. Mai zum Europatag erklärt. Ist das nicht ein Grund zum Feiern?

Selbstverständlich! Wenn der Sieg über den deutschen und österreichischen Nationalsozialismus und gleichzeitig der Zusammenschluss der Staaten Europas zur EU kein Anlass zum Feiern ist - was dann? Umso trauriger ist es, dass im EU-Vorsitzland Österreich dieser Tag vollkommen ignoriert wurde.

Dass es nicht einmal diskutiert wird, aus dem 9. Mai einen Staatsfeiertag zu machen, ist eigentlich schon seltsam. - Ich würde bedenkenlos den einen oder anderen tiefkatholischen Marienfeiertag dafür eintauschen. Dass ich auf meinem Weg zur Arbeit keine einzige Europafahne wehen sehe, wundert mich noch mehr. Wo sind die bunten Straßenfeste? Warum wird am Rathausplatz abends nicht die Neunte Sinfonie von Beethoven auf Großleinwand aus dem Musikverein übertragen?

Es hätte viele einfache Möglichkeiten gegeben, den 9. Mai zu einem Europafesttag zu machen. Man würde glauben, dass das der Regierung gerade in einer Phase der steigenden EU-Skepsis in der österreichischen Bevölkerung besonders wichtig sein müsste. Die Gründlichkeit, mit der dieser Europatag totgeschwiegen wird, deutet wohl aber eher darauf hin, dass uns ein Anti-EU-Wahlkampf erwartet. Statt die Skepsis der Österreicher zu ändern, wird man durch EU-kritische Töne diese Skepsis in Stimmen umwandeln wollen.
Abends, als ich es schon fast nicht mehr erwarte, wird in den Spätnachrichten dann doch noch kurz der Europatag angesprochen - als kleine Nebenbemerkung: Im Wiener Café Central wird ein "EU-Gugelhupf" verkauft. Spezialitäten aus allen EU-Ländern werden als Zutaten verwendet, zusammengemantscht und in traditionell österreichische Gugelhupf-Form gebracht. Das Endprodukt sieht eigentlich ziemlich unappetitlich aus.

Wenn Zusammenmantschen und in alte Formen pressen das einzige ist, was uns zu Europa einfällt, wundert mich eigentlich gar nichts mehr.