Am 9. Mai 1950 schlug der
französische Außenminister Robert Schuman die Schaffung einer
europäischen Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl vor. Genau
fünf Jahre nach dem Ende des grauenvollsten Regimes, das Europa jemals
gesehen hat, wurde so der erste Schritt auf dem Weg zur Europäischen
Union gemacht. Im Jahr 1985 wurde daher der 9. Mai zum Europatag erklärt.
Ist das nicht ein Grund zum Feiern?
Selbstverständlich! Wenn der
Sieg über den deutschen und österreichischen Nationalsozialismus und
gleichzeitig der Zusammenschluss der Staaten Europas zur EU kein Anlass
zum Feiern ist - was dann? Umso trauriger ist es, dass im EU-Vorsitzland
Österreich dieser Tag vollkommen ignoriert wurde.
Dass es nicht einmal
diskutiert wird, aus dem 9. Mai einen Staatsfeiertag zu machen, ist
eigentlich schon seltsam. - Ich würde bedenkenlos den einen oder anderen
tiefkatholischen Marienfeiertag dafür eintauschen. Dass ich auf meinem
Weg zur Arbeit keine einzige Europafahne wehen sehe, wundert mich noch
mehr. Wo sind die bunten Straßenfeste? Warum wird am Rathausplatz abends
nicht die Neunte Sinfonie von Beethoven auf Großleinwand aus dem
Musikverein übertragen?
Es hätte viele einfache
Möglichkeiten gegeben, den 9. Mai zu einem Europafesttag zu machen. Man
würde glauben, dass das der Regierung gerade in einer Phase der
steigenden EU-Skepsis in der österreichischen Bevölkerung besonders
wichtig sein müsste. Die Gründlichkeit, mit der dieser Europatag
totgeschwiegen wird, deutet wohl aber eher darauf hin, dass uns ein
Anti-EU-Wahlkampf erwartet. Statt die Skepsis der Österreicher zu
ändern, wird man durch EU-kritische Töne diese Skepsis in Stimmen
umwandeln wollen.
Abends, als ich es schon fast
nicht mehr erwarte, wird in den Spätnachrichten dann doch noch kurz der
Europatag angesprochen - als kleine Nebenbemerkung: Im Wiener Café
Central wird ein "EU-Gugelhupf" verkauft. Spezialitäten aus
allen EU-Ländern werden als Zutaten verwendet, zusammengemantscht und in
traditionell österreichische Gugelhupf-Form gebracht. Das Endprodukt
sieht eigentlich ziemlich unappetitlich aus.
Wenn Zusammenmantschen und in alte Formen pressen das einzige ist, was uns
zu Europa einfällt, wundert mich eigentlich gar nichts mehr.